Eine
jüdische Dame, Berliner Hausbesetzer und die Geschichte einer
tiefen Freundschaft
Von B. KOLLMANN
Vor 25 Jahren besetzten
rund 70 Menschen ein
leer stehendes Fabrikgebäude in Wedding -junge Familien,
Studenten,
Rollstuhl-Fahrer …
Ohne sie hätte Anni Wolff ihr
Vaterhaus an der Prinzenallee 58 nie wiedergesehen. Der
Abriss war schon beschlossen.
Und hätte sich die resolute Dame aus Tel Aviv (heute 93) nicht
so
eingesetzt - die Besetzer von damals wären wohl schon
längst draußen.
Die Geschichte eines Hauses
-und einer außergewöhnlichen Freundschaft!
1936 verließ Anni Wolff,
geborene Gattel, ihr Elternhaus, wanderte nach Palästina aus.
Im selben Jahr verlor ihr Vater alles: die Herrenmützen-Fabrik
(170
Arbeiter) im Hinterhof, das Vorderhaus im Patrizierstil, in dem die
alteingesessene jüdische Familie lebte. Auch den riesigen
Garten.
Anni Wolff: „Er war anderthalb
Morgen groß - eine Seltenheit im Berliner Norden."
Annis Vater musste alles seinem
christlichen
Kompagnon überlassen. Anni: „Das Geld, das er
dafür bekam, reichte
gerade zwei Monate zum Lebensunterhalt."
| Das Schicksal der Eltern:
Deportiert im September 1942, gestorben in Theresienstadt 1945.
Erst 1988, 52 Jahre nach ihrer Ausreise in einen Kibbuz, fand Anni den
Mut, nach Berlin zurückzukehren.
Und besuchte die Prinzenallee 58. Im früheren
Privatkontor ihres Vaters hatten die Besetzer das kleine Cafe Esscapade
eingerichtet, in den Fabrikhallen Werkstätten, Wohnungen.
Seitdem sind sie befreundet - die Frau,
die alles hätte erben sollen, und die Hausbesetzer. Als
Anni Wolff hörte, dass sie raus sollen, schrieb sie sofort an
den
Bezirksbürgermeister: Er solle die netten
jungen Leute in Ruhe
lassen...
Es half.
Inzwischen sind die Kinder der ersten Besetzer-Generation
längst erwachsen, aus dem Haus. Und aus den
Besetzerinnen von einst wurden elegante Damen mit verantwortungsvollen
Jobs...
Gemeinsam mit Anni Wolff feierte die „PA 58"
(Abk. für Prinzenallee 58) jetzt
25. Geburtstag.
Es ist das viertgrößte Selbsthilfeprojekt Berlins,
mit 100 Bewohnern, Kita, Jugendbildungsstätte,
Werkstätten, Rollstuhl-Fahrergruppe.
Zum Jubiläum trug Anni Wolff eines ihrer Gedichte vor: "Was
einmal nur, vor Jahresfrist, Besetzung war, hat sich gelohnt."
Fotos/Repros: LABES
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