WOHN- UND
NACHBARSCHAFTSPROJEKT PRINZENALLEE 58:
ZEHN JAHRE SELBSTVERWALTUNG
Von Dorothea Reinhardt
und Elfi Witten
Die
Prinzenallee 58 wurde am 27.02.1981 als
100. Haus in
Berlin besetzt.
Abschnitte:
Hutfabrik
Gebrüder Gattel
Ursprünglich
war das Fabrikgebäude Prinzenallee 58 im Jahr 1891
als
Hutfabrik der jüdischen Fabrikanten "Gebrüder
Gattel"
errichtet
worden.
In den 30er Jahren wurde es zu einem Wohnhaus mit 1- bis
2-Zimmerwohnungen auf drei Etagen umgebaut.
Die jüdische
Familie hatte
das Gebäude zuvor unter dem Druck der Nazis zu einem
Spottpreis
verkaufen müssen. Unverändert blieben die
Fabrikhallen im Erdgeschoß
sowie die dazugehörigen Hallen auf dem zur Panke gelegenen
Grundstücksteil.
Sie wurden zuletzt von der Kempinski
Hotelwäscherei
genutzt (bis ca. 1977).
Abrißwirtschaft
Nur
durch die
Unterstützung einzelner Mieter im Haus war die Besetzung
möglich geworden. Sie hatten über Jahre miterleben
müssen, wie das
ehemalige Fabrikgebäude mit den Werkhallen und den drei
Wohnetagen
systematisch heruntergewirtschaftet worden war. Sogar notwendigste
Reparaturen, wie z.B. die der Treppenhausbeleuchtung, wurden nicht mehr
vorgenommen. Am extremsten wurde dies von den letzten
Eigentümern, der
Hauert und Noack GmbH und Co KG (später Panke Park)
betrieben, einer
privaten Wohnungsbau- und Sanierungsgesellschaft. Älteren
Menschen
wurde das Leben in der Prinzenallee 58 vergällt.
Viele nahmen
notgedrungen die angebotene Umsetzwohnung an. Ein großer Teil
der
Wohnungen stand leer, einige schon seit sieben Jahren. Drei Viertel der
Mieter waren bereits ausgezogen oder im Begriff, dies zu tun. Viele von
ihnen hatten ca. 20 bis 30 Jahre hier gewohnt und der Wegzug
aus dem
vertrauten Kiez fiel ihnen nicht leicht. Alles lief auf Abriß
hinaus.

Besetzung
Um
dies zu
verhindern, holten aktive Mieter 1981 den damaligen
Bausenator Peter Ulrich in die Prinzenallee: Dieser ließ ein
Gutachten
erstellen, das die gute Bausubstanz des Gebäudes belegte und
sprach
sich gegen einen Abriß aus.
Eine
Besetzung
des riesigen Hauses schien anfangs fast aussichtslos:
Sowohl von der Panke sowie von der Prinzenallee her war das gesamte
Gebäude abgeriegelt und nur mit diversen Schlüsseln
zu betreten.
Außerdem wurde es von einem Wachschutz bewacht. Einzelnen
Mietern im
Haus war es zu verdanken, daß die Besetzung
schließlich doch gelang:
Sie ermöglichten, daß die Besetzergruppe mit einem
LKW im Dunkeln auf
das Grundstück gelangen konnte. In Windeseile wurde ein
Flügel des
Hauses besetzt, die Türen wurden verschlossen. Die von
ängstlichen
Mietern herbeigerufene Polizei begab sich nicht auf das
Grundstück,
sondern registrierte nur das am Hofeingang angebrachte Transparent
"besetzt". Die erste Hürde war genommen.
Besetzung per
Annonce
Die
Besetzergruppe bestand aus ca. 20 Leuten. Einige waren
Bewohnerinnen und Sympathisanten des Selbsthilfeprojekts
Prinzenallee 24 (Fabrik Osloer Straße). Die meisten
hatten zufällig von
der
Besetzung gehört und kamen dazu, weil sie unter unzumutbaren
Bedingungen wohnten. Bald stellte sich jedoch heraus, daß die
Gruppe
allein nicht in der Lage war, das Haus zu halten. Tagsüber
mußten viele
von ihnen zur Arbeit gehen. Außerdem stand nach wie vor die
Hälfte des
Hauses leer.
Schon
wenige Tage
nach der Besetzung wurde deshalb in der TAZ Wohnraum
annonciert. Es meldeten sich ca. 100 Leute, die das
Fabrikgebäude
bewohnen wollten. In einem langen Prozeß kristallisierte sich
heraus,
wer von diesen Interessenten wirklich in der Lage war
instandzubesetzen, d.h. wer dem psychischen Druck und der
körperlichen
Anstrengung gewachsen war. Streß und Anspannung waren im
ersten Jahr
der Besetzung sicherlich am stärksten; doch die
Atmosphäre im Haus, der
Zusammenhalt der Leute war niemals intensiver als in dieser Zeit.

Motive und Utopien der
Besetzerinnen
Die
Motive
für die Besetzung waren so vielfältig wie die Gruppe
selbst:
Es gab politische Motive, die aus der Negation herrschender
Städtebau-und Wohnungspolitik resultierten:
Es ging darum,
- die Vernichtung billigen Wohnraums zu
verhindern,
- das Fabrikgebäude mit seinen
Besonderheiten handwerklicher Baukunst vor dem Abriß zu
bewahren,
- ein Zeichen zu setzen gegen die "Zweite
Zerstörung Berlins"
- einen Strich durch die Rechnung zu
ziehen beim
großen Spekulationsgeschäft mit dem
Grundbedürfnis
Wohnen.
Es gab aber auch eine positive Utopie, die sich an bestimmten
Lebensbedürfnissen und -ansprüchen orientierte:
Wir Besetzerinnen wollten
- gegen die Isolierung und
Anonymität in der Großstadt ein
gemeinschaftliches und selbstbestimmtes Leben setzen,
vielfältige
gesellige Lebensformen erproben und eine große
Hausgemeinschaft bilden,
- mehr Platz für die Kinder und
einen kinderfreundlichen Ort schaffen,
verkehrsgeschützt, mit einer gewissen Verantwortlichkeit aller,
- ein offenes Haus sein für uns
und unsere Nachbarn und dabei die
gängige Ausgrenzung von der Norm abweichender Menschen nicht
mitpraktizieren,
- Platz bieten für
nachbarschaftliche Kommunikatuion, soziale Projekte
und sozialkulturelle Aktivitäten,
- Lebensqualität erarbeiten und
nicht erkaufen.
Öffentlichkeitsarbeit
Absolut
im
Vordergrund stand zunächst die Öffentlichkeitsarbeit.
Das
Interesse an Hausbesetzungen war groß und das Haus war im
Kiez bekannt.
Informationsstände auf der Straße und der Tag der
Offenen Tür lockte
viele Nachbarn wie auch frühere Bewohner an. Um den legitimen
Anspruch
auf das für den Abriß vorgesehene und mit Bedacht
heruntergewirtschaftete Haus zu unterstreichen, meldeten sich die
meisten Besetzerinnen bei der polizeilichen Meldestelle unter ihrer
neuen Adresse an. Vermieter: B. Setzer. Bald war die Prinzenallee 58
auch dort bestens bekannt.
Die
Eigentümer des Hauses - Hauert und Noack - verhielten sich
vorerst
ruhig. Sie stellten zwar Strafantrag wegen Hausfriedensbruch und
Sachbeschädigung, doch zunächst ohne weitere
Konsequenz.

Übernahme in
Selbstverwaltung
Von
Anfang an war
das Ziel bestimmend, das Haus dauerhaft zu nutzen und
in Selbstverwaltung zu übernehmen. Um als juristische Person
vertragsfähig zu sein, wurde ein eingetragener Verein
gegründet mit dem
programmatischen Namen: Verein zum Schutz billigen Wohnraums.
Da
sich nur noch
wenige Mieter im Haus befanden, wurde es schon sehr
bald vom Verein bewirtschaftet. Alle Bewohnerinnen beteiligten sich an
der Finanzierung eines Instandsetzungs- und Betriebskostenfonds.
Instandbesetzung
Die
Instandsetzung des Hauses, zuerst der Wohnbereiche, wurde sofort in
Angriff genommen. Die kleinen 1 bis 2 Zimmerwohnungen wurden
in große,
helle Wohnungen umgebaut. Für verschiedene Arbeitsaufgaben
wurden
Gruppen gebildet: Die Fenster-, Heizungs-, Dach- und Finanzgruppe, die
Kultur- und Öffentlichkeitsgruppe. Lange Zeit war jeder
Samstag
gemeinsamer Hausarbeitstag. Jeden Montagabend trat das Hausplenum
zusammen, auf dem alles besprochen wurde.
Selbstverwaltung
und -bewirtschaftung hieß auch - heizen. Sehr bald
fand sich eine Gruppe von Leuten, die sich mit der gigantischen
zentralen Heizanlage vertraut machte. Lange nach den ersten
Kälteeinbrüchen wurde mit Unterstützung von
Fachleuten die Heizung
erstmalig von den Bewohnerinnen selbst in Betrieb genommen. Das Rohr-
und Leitungssystem war derartig verrottet, daß
Rohrbrüche ständig an
der Tagesordnung waren. Der Brenner indes mußte lediglich
gereinigt
werden und hatte eine immense Heizkapazität, die auch die
Warmwasserversorgung bewältigte.
Wohnen und
sozial-kulturelle Angebote
Jeder
einzelne
bestimmte seine Wohnform, so daß es ein Nebeneinander
von Einzelnwohnenden, Familien, Wohngemeinschaften und
Gemeinschaftswohnungen entstand. Konsens war von Anfang an,
daß die
PA 58 nicht nur Wohnraum, sondern auch
Arbeitsmöglichkeiten und
sozial-kulturelle Aktivitäten und Veranstaltungen für
die Bewohnerinnen
des Hauses und Bezirks bieten sollte. Es wurde ein Konzept erarbeitet,
das ein Cafe, eine Veranstaltungshalle, Werkstätten und
Hobbyräume
beinhaltete.

Ein
nachbarschaftliches Kommunikations- und Kulturzentrum sollte
entstehen. Alles sollte zudem rollstuhlgerecht ausgebaut werden, um
behinderte Menschen, auch Rollstuhlfahrerlnnen, nicht wie sonst aus dem
öffentlichen Leben auszuschließen. Die Fabrikhallen
im Erdgeschoß sowie
die hinter dem Gebäude sich anschließenden Hallen
boten hierfür gute
Voraussetzungen.
Teilabriß
der Fabrikhallen
Nach
wie vor gab
es keine Abrißgenehmigung für das Gebäude,
wohl aber
für die dahinterliegenden Fabrikhallen. Wo von Seiten der
Besetzerinnen
ein Gartenlokal für Bewohnerinnen des Kiezes geplant war, sah
der
Bezirk einen großen Parkplatz mit nachweispflichtigen
Stellplätzen für
die Neubauten Soldinerstraße, Ecke Prinzenallee vor. Der
angekündigte
Abriß konnte vorerst durch verschiedene Aktionen und die
Solidarität
vieler Unterstützerinnen verhindert werden.
Am
22.9.81, dem
Tag, als in ganz Berlin viele besetzte Häuser geräumt
wurden, rollte von der Soldiner Straße ganz
überraschend ein Bagger an,
der ein Loch in die Hallenwand riß. Als er zum zweiten Mal
auf die
Halle zufuhr, wurde ein Besetzer vom Bagger verletzt. Der
Baggerführer
zog sich daraufhin zurück. Im Dezember 1981 war dann der
Abriß der
Hallen nicht mehr aufzuhalten. Auch der Landeskonservator, der sich
aufgrund eines Beitrags in der SFB-Abendschau für den Erhalt
der Hallen
eingesetzt hatte, konnte dies nicht mehr verhindern. Zuvor war der alte
wunderschöne Industrieschornstein plötzlich als
einsturzgefährdet
deklariert worden. Die Kinder der angrenzenden
Wilhelm-Hauff-Grundschule durften nicht mehr auf den Schulhof und der
hintere Querflügel des besetzten Gebäudes sollte
nicht mehr bewohnt
werden.
Unterstützung
für die PA 58
Im
folgenden Jahr
wurde verstärkt nach finanziellen Quellen gesucht, um
die übrigen Fabrikhallen entsprechend unserer Konzeption zu
sichern und
auszubauen. Zur Diskussion über die Situation des Hauses und
die
Nutzungskonzeption luden wir Vertreter von Institutionen und
Initiativen zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion ein: GEW,
SPI,
Netzwerk, evang.Kirchengemeinden, HdK u.v.m...
Dabei
intensivierte sich der Kontakt zu den Dozenten der HdK. Sie
entschlossen sich zur Mitarbeit an der Planung und dem Ausbau des
Erdgeschosses und boten ein Theorie-Praxis-Seminar mit diesem
Schwerpunkt für Architekturstudentinnen ihrer Hochschule an.
Als von
Netzwerk im Herbst 82 ein Kredit in Höhe von ca.
40.000 DM bewilligt
wurde, konnte die Arbeit an den Fabrikhallen in der PA 58
beginnen.
Zwanzig Studentinnen der HdK arbeiteten über
2 Semester gemeinsam mit
uns, erstellten unterschiedliche Entwürfe, nahmen notwendige
Grundrißveränderungen vor und beteiligten sich am
Ausbau der
Veranstaltungshalle. Dieser hatten wir als Versammlungsraum erste
Priorität zugesprochen. Trotz der schwierigen Bedingungen
brachte uns
diese Zusammenarbeit ein großes Stück weiter. In den
Jahren darauf
wurden die Umbauarbeiten mit verschiedenen internationalen
Jugendgruppen in Work-Camps des Service Civil International
fortgeführt.
Stadtplanung und
Bürgerbeteiligung
Ende
1982
beschloß das Bezirksamt Wedding die Einleitung eines
Bebauungsplanverfahrens und einer vorgezogenen
Bürgerbeteiligung an der
Bauleitplanüng für unseren Block. Die Planung sah
vor, auf dem
Grundstück PA 57/58 einen Neubauriegel zu errichten,
der halb so viel
Wohnraum wie das alte Fabrikgebäude bereitstellte, aber
schön paßte zur
neuen Blockrandbebauung. Das Konzept stammte noch aus alten
IBA-Vorbereitungszeiten, in denen einige Bezirkspolitiker und Planer
auf eine Beteiligung des Wedding an der Internationalen Bauausstellung
hofften. Voraussetzung dafür war natürlich der
Abriß des Fabrikgebäudes.
Gegen
diesen
Bebauungsplan wurden ca. 1000 Einsprüche erhoben von den
Bewohnerinnen des Hauses, anderen Projekten im Kiez und vielen
Unterstützerinnen in der Stadt. Das Bezirksamt ließ
sich Zeit mit der
Bearbeitung. Baustadtrat Lüdtke (SPD) erklärte,
daß er das
Bebauungsplanverfahren nicht weiterbetreiben wolle, solange die
Bezirksverordnetenversammlung keine abschließende
Entscheidung über
die künftige Nutzung getroffen habe.
Vertragsverhandlungen
1983
Nach
Kontroversen
im Haus über das Pro und Contra einer Legalisierung
kam es im Sommer 83 zu Verhandlungen zischen der Panke Park GmbH und
dem Verein zum Schutz billigen Wohnraums. Es stellte sich bald heraus,
daß die Abrißpläne noch nicht vom Tisch
waren. Die bisherige Planung
sollte nur

aufgeschoben
werden
bis die Voraussetzungen für
Abriß und Neubau
erfüllt waren. Wir sollten bestenfalls als Zwischennutzerlnnen
geduldet
werden. Die Rechnung war eindeutig: Je länger die
Vertragsdauer, desto
teurer die Pacht für uns. Die angebotenen drei Jahre konnten
wir in
fünf Jahre umwandeln, doch damit waren wir an unseren
finanziellen
Grenzen angelangt. Das Ziel, das Haus zu erhalten, war damit nicht
erreicht. Doch konnten wir nun die Zeit nutzen, um etwas
Unumstößliches
aufzubauen. Der Vertrag brachte auch den Vorteil, daß
für bestimmte
Vorhaben öffentliche Gelder beantragt werden konnten. Davon
hing u.a.
das Überleben des Kinderladens ab, der sich in den ersten
renovierten
Räumen des Erdgeschosses niedergelassen hatte. Für
eine Instandsetzung
oder Modernisierung aus öffentlichen Mitteln reichte die
Vertragsdauer
nicht; hierfür wären 15 Jahre erforderlich gewesen.
Fünf
Jahre Vertrag
Mit
dem Vertrag
kamen ungeahnte Veränderungen: Die Identität der
urspünglichen Besetzerinnengruppe, geprägt durch die
tägliche Bedrohung
und den gemeinsamen Kampf ums Haus, ging verloren. Das Besondere wurde
zum Alltäglichen und die 5 Jahre schienen anfangs
eine endlos lange
Zeit. Für viele war auch nach dem Streß der ersten
zweieinhalb Jahre
eine Verschnaufpause angesagt.
Das Ziel für die kommenden 5 Jahre war klar: Das Haus
sollte durch
Ausbau und Instandsetzung und durch sozial-kulturelle Arbeit so stark
im Kiez verankert werden, daß ein Abriß nicht mehr
denkbar und möglich
wäre.
Hofbegrünung
Das
erste Projekt
in diese Richtung wurde kurz nach Vertragsabschluß in
Angriff genommen: die Hofbegrünung. Auf unseren Antrag, den
die
Gartengruppe formuliert hatte, erhielten wir vom Senat 93.000 DM
für
diesen Zweck. Während Panke Park die Neubauten in der Soldiner
Ecke
Prinzenallee fertigstellte, im Blockinneren dazugehörige
Grünflächen
und Spielplätze anlegte, begannen wir mit der
Begrünung der Fassade,
des Innenhofs und des rückwärtigen
Grundstücks. Der Hallenabriß hatte
auf dem zur Panke gelegenen Grundstücksteil eine
Wüste aus Sand und
Geröll hinterlassen. Hier wurden Sträucher und
Bäume gepflanzt und
Grünflächen angelegt. Im Hof wurde ein Teil des
Asphalts weggenommen,
Büsche angepflanzt und Bete angelegt mit Pflanzen, die die
Fassade
hochranken sollten. An der

Front
zur Schule
wurden große Blumenkästen
angebracht und nach vorne
Richtung Prinzenallee die gesamte Fläche bis zur
Grundstücksgrenze mit
Büschen und Bäumen bepflanzt. All das geschah in
unbezahlter
Eigenarbeit.
Verein
Nachbarschaftshaus Prinzenallee e.V.
Zur
praktischen
Umsetzung der Erdgeschoßplanung wurde 1983 der Verein
Nachbarschaftshaus Prinzenallee gegründet.
Gemäß
den Leitideen sozial-kultureller Nachbarschaftsarbeit hatte der
Verein zum Ziel, benachteiligte Bevölkerungsgruppen
anzusprechen,
eman-zipatorische Bestrebungen und das vorhandene Selbsthilfepotential
zu unterstützen und einen Beitrag zu leisten zur Verbesserung
der
Lebenschancen diskriminierter Teilgruppen der Gesellschaft. Wir dachten
hier besonders an behinderte Menschen, insbesondere
Rollstuhlfahrerlnnen und Immigrantinnen.
Selbsthilfeförderung
Da
die
Instandsetzung der Räume noch nicht abgeschlossen, die
Netzwerkgelder jedoch aufgebraucht waren, stellte der Verein einen
Antrag bei der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
auf Gelder
zur Instandsetzung und Ausstattung des Cafes, des Büros, der
Toiletten
und des Gruppenraums. Ende 1983 wurden 24.000,- DM für die
Ausstattung
eines behindertengerechten Nachbarschaftscafes aus dem Selbsthilfetopf
bewilligt. Nicht gefördert wurden Ausbaumaßnahmen.
Die Räume im
Erdgeschoß, die als Nachbarschaftshaus genutzt werden
sollten, waren
jedoch noch lange nicht fertiggestellt: Zwar waren die
Rohbaumaßnahmen
weitgehend abgeschlossen, doch standen zum Teil noch Installationen,
Heizung, Fußböden etc. aus, die vom Verein in
mühevoller Arbeit
organisiert und durchgeführt wurden. Küche, Toiletten
und das Cafe
konnten Anfang 85 fertigggestellt werden.
Veranstaltungen
und Angebote
In
diesem Jahr
wurde erstmals ein Veranstaltungsprogramm
zusammengestellt, das neben Kindertheater (Berliner Kindertheaterwochen)
Musikveranstaltungen
und Kurse in den verschiedensten Bereichen
(Bewegung, Massage, Sprachen, Handwerk) vorsah. Auch ein Teil der
"Giftgrünen Woche" fand hier statt. Außerdem wurden
die Räume
Selbsthilfegruppen aus der Umgebung zur Verfügung gestellt.
Gruppenraum
und Halle wurden z.B. von Kurden und Oromos genutzt.
In
den
gegenüberliegenden Hallen auf der Westseite wurde eine
Metallwerkstatt und eine Holzwerkstatt ausgebaut. Ein Raum wurde einer
Motorradgruppe zur Verfügung gestellt, ein weiterer als
Autowerkstatt
genutzt. An der Südseite entstand ein weiteres Projekt: die
Jugendbildungsstätte. Es sollten Tagungs- und
Übernachtungsmöglichkeiten geboten werden
für die zahlreichen
Jugendgruppen auf Berlin-Besuch.
Treffpunkt
für Behinderte und Nichtbehinderte in Planung
In
den folgenden
Jahren organisierte ein Teil der Bewohnerinnen aus dem
Haus und dem Kiez mehr oder weniger regelmäßig
Veranstaltungen und
Kurse und verteilten entsprechende Programme im Kiez. Der Besucherkreis
des Nachbarschaftshauses bestand in der Hauptsache aus jungen Leuten,
Kindern und kurdischen und afrikanischen Leuten aus dem Wedding. Nach
der kompletten Fertigstellung der Umbaumaßnahmen
gemäß unseren Plänen
würde die Prinzenallee einer der ganz wenigen
sozial-kulturellen
Treffpunkte sein, die auch Rollstuhlfahrerlnnen zugänglich
waren. Zudem
konnten sich einige von uns gut vorstellen, auch geistig behinderte und
überall aus dem normalen Leben ausgegrenzte Menschen in unsere
Aktivitäten einzube-ziehen. Um diesen neuen Bereich aufbauen
zu können,
wurde beim Landesamt für Zentrale Soziale Aufgaben ein Antrag
auf
Ausbau-, Personal- und Sachmittel für einen Treffpunkt
für Behinderte
und Nichtbehinderte gestellt. Unser Vorhaben wurde zunächst
als sehr
förderungswürdig aufgenommen. Doch um die
Fördergelder zu erhalten,
mußten wir einen mindestens 10jährigen
Nutzungsvertrag vorweisen.
Vertragsverhandlungen
1985
Aus
diesem
Anlaß nahmen wir eineinhalb Jahre vor Auslaufen des
Nutzungsvertrags für das Gebäude Prinzenallee 58
Verhandlungen mit der
Panke Park GmbH auf. Auch hier wurde uns zunächst
bestätig, daß die

Panke
Park an einer
langfristigen Regelung - sogar an einem Verkauf an
uns - interessiert sei. Als Kaufsumme wurde beiläufig eine
Million
genannt.
Noch
am
Grübeln, ob und wie wir eine Million auftreiben sollten,
gingen
wir einige Wochen später in die zweite
Gesprächsrunde. Nun hatte sich
jedoch das Verhandlungsklima vollkommen verändert:
Von
einer
Bereitschaft, ernsthaft mit uns zu verhandeln, war nichts
mehr zu spüren und der Kaufpreis für unser Haus
sollte jetzt mindestens
2,5 Millionen betragen. Damit waren die Gespräche
ersteinmal beendet.
Die in Aussicht stehende Förderung von 180.000 DM
für einen Treffpunkt
für Behinderte und Nichtbehinderte war damit vom Tisch.
Treffpunkt
für Behinderte und Nichtbehinderte im Aufbau
Dennoch
wurde
begonnen, behinderte Menschen, insbesondere
Rollstuhl-fahrerinnen gezielt für die Angebote des
Nachbarschaftshauses
anzusprechen. 1987 wurden zwei ABM-Stellen bewilligt, die Angebote
für
den Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte entwickeln
und
erproben sollten. Mittlerweile wird eine Planstelle für
Projektkoordination von der Senatsverwaltung für Soziales
finanziert.
Seit über 5 Jahren gehören behinderte
Menschen zum festen Besucherkreis
des Nachbarschaftshauses. Der "Spontanzusammenschluß
Mobilität für
Behinderte", ein Zusammenschluß sozialpolitisch engagierter
Rollstuhlfahrerlnnen trifft sich hier. Das Nachbarschaftshaus
Prinzenallee ist zu einem wichtigen Stützpunkt der Berliner
Behindertenbewegung geworden. Insgesamt hat sich bis heute das
Angebotsspektrum erweitert: Eine Beratungsstelle für arabische
Immigrantinnen, Kurse für alte Menschen und eine Kinderzirkus
AG sind
dazugekommen. Anlaufstelle für alle ist das Nachbarschaftscafe
"Esscapade", geöffnet Dienstag bis Samstag von
16-23 Uhr, Sonntag von
10-23 Uhr.
Untersuchung der
Bausubstanz der Prinzenallee 58
Die
Unwilligkeit
der Panke Park GmbH mit dem Verein Verhandlungen
aufzunehmen, war nicht zuletzt damit zu erklären,
daß die Planung für
das Grundstück Prinzenallee 58 keine Fortschritte gemacht
hatte. Ende
1985 beschäftigte sich das Bezirksamt Wedding erneut mit dem
Bebauungsplanverfahren für den Block. Die Abteilung Bau- und
Wohnungswesen beauftragte die Beratungsgesellschaft für
Stadterneuerung
und Modernisierung

(BSM),
die Bausubstanz
des ehemaligen Fabrikgebäudes zu untersuchen,
einschließlich der Prüfung, ob durch
Fördermitteleinsatz gemäß
Modernisierungsrichtlinien ein Erhalt wirtschaftlich vertretbar
wäre.
Die BSM kam zu dem Ergebnis, daß durch Einsatz von
Selbsthilfeförderungsmitteln die notwendigen
Instandsetzungsmaßnahmen
zur nachhaltigen Substanzerhaltung möglich wären.
Daraufhin wurde der
ursprüngliche Bebauungsplanentwurf vorerst auf Eis gelegt.
Bürger,
es geht um Deine Gemeinde
1986/87
nahm der
Bezirk Wedding bei dem Bundeswettbewerb "Bürger, es
geht um Deine Gemeinde" teil. Auf Initiative des Stadtplanungsamts
wurde das Wohn- und Nachbarschaftsprojekt Prinzenallee zusammen mit
drei weiteren alten Fabrikgebäuden als Wettbewerbsobjekt
ausgewählt.
Der Verein erhielt die Möglichkeit der Selbstdarstellung im
Rahmen
einer Ausstellung, die in Berlin und im Bundesgebiet gezeigt wurde.
Außerdem wurde das Projekt einer Jury, bestehend aus ca.
40 Experten
aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung, kommunaler und
ministerialer Verwaltung, präsentiert.
Vor
allem duch
die positive Beurteilung unseres Projekts gewann der
Bezirk Wedding eine Goldmedaille in diesem Wettbewerb. Zur offiziellen
Preisverleihung 1988 wurde eine Bewohnerin der Prinzenallee sowie ein
Vertreter der Eigentümer eingeladen. Die Eigentümer
erschienen nicht.
Die Bewohnerinnen der Prinzenallee kamen zahlreich und verteilten
Flugblätter: Die Abrißpläne für
die Prinzenallee sollten nun endgültig
vom Tisch.
Vertragsverhandlungen
1987
Ein
halbes Jahr
vor Ende des Fünfjahresvertrags sollte
vertragsgemäß mit erneuten Verhandlungen begonnen
werden.
Nach einem ersten Sondierungsgespräch erhielten wir von Panke
Park ein
schriftliches Angebot: Das gesamte Grundstück und die beiden
darauf
befindlichen Gebäude wurden mit
4 Millionen DM veranschlagt; allein
3,6 Millionen sollten wir für das mittlere
Grundstück mit dem
Fabrikgebäude
auf den Tisch legen. Einige Jahre zuvor hatte Panke Park weniger als
eine Million dafür bezahlt. Da sie keine Investitionen
für das Haus
getätigt hatte, hielten wir eine Million als Kaufangebot von
unserer
Seite für angemessen und gerade eben finanzierbar. Nach Erhalt
unseres
schriftlichen Angebots
erklärte
Panke Park die Verhandlungen als endgültig gescheitert. Der
Verein zum Schutz billigen Wohnraums wurde aufgefordert, das Haus mit
seinen Mitgliedern freiwillig zu verlassen. Andernfalls sollte eine
Räumungsklage angestrengt werden.
Räumungsklage
Der
Räumungsprozeß war nicht mehr abwendbar. Weder
Protestaktionen noch
Vermittlungsversuche auf politischer Ebene konnten den
Prozeßtermin
aufhalten. Zwar strahlte unser Rechtsanwalt Zuversicht aus, der Ausgang
des Prozesses war jedoch ungewiß. Zusammen mit zahlreichen
Unterstützerinnen aus der ganzen Stadt, Projektleuten aus dem
Wedding,
Rollstuhl-fahrerinnen vom Treffpunkt in der Prinzenallee und den
deutschen und arabischen Kinder, die zur Eikita und zum
Nachbarschaftshaus gehörten, zogen wir zum Gericht. Dort
erwartete man
offenbar eine terroristische Vereinigung: Das ganze Gericht war
Stoßstange an Stoßstange von
Polizeimannschaftswagen umzingelt. Auf
jeden Demonstranten kamen zwei bis drei Polizisten. Der Raum der
Gerichtsverhandlung war vorsätzlich besonders klein
gewählt worden:
Mehr als zwanzig Leute paßten nicht hinein. So waren wir vom
Prozeß
gegen uns praktisch ausgeschlossen. Draußen führten
wir bei klirrender
Kälte eine Protestkundgebung durch. Eine endgültige
Klärung beim ersten
Termin war nicht zu erwarten. Tatsächlich ging der erste
Prozeßtag aus
wie das Hornberger Schießen. Die Richterin brauchte keine
5 Minuten, um
die Nicht-Zuständigkeit des Amtsgerichts für unsere
Sache zu verkünden
und die Verhandlung als beendet zu erklären. Die Klage sollte
in der
nächsten Instanz vor dem Landgericht verhandelt werden. Damit
hatten
wir zunächst einmal Zeit gewonnen für weitere
Aktionen und
Verhandlungen.
In
einem
Demonstrationszug kehrten wir nach Haus zurück. In einer
großen öffentlichen Veranstaltung
erläuterte unser Rechtsanwalt die
weitere Strategie. Die juristische Auseinandersetzung war jedoch nur
eine Ebene des Kampfes gegen eine drohende Räumung der
Prinzenallee 58.
Verhandlungen
auf politischer Ebene
Seit
der
"Goldmedaille" war man im Bezirksamt aufgeschlossener
gegenüber unserem Projekt. Ein Sondierungsgespräch im
Stadtplanungsamt
und beim Bürgermeister nach den Wettbewerbsfeierlichkeiten
über einen
eventuellen Kauf des Hauses durch den Bezirk blieb ohne Ergebnis.
Deutlich wurde nur, daß die Größe des
Projekts über die
Bezirkskompetenzen hin-

auswies:
Wenn schon
Erwerb durch die Öffentliche Hand, so
mußte dies
auf Senatsebene entschieden werden. Dort sprach aber alles dagegen: Es
galt die Parole - Kein Ankauf von privaten Wohnhäusern durch
die
Öffentliche Hand! Vielmehr wurde öffentlicher
Wohnungsbestand
privatisiert, teilweise geradezu verschenkt. Auch zählten wir
auf wenig
Unterstützung durch den CDU-Senat.
Direkt
nach
Abbruch der Verhandlungen durch die Panke Park und nach
Ankündigung der Räumungsklage informierten wir den
Bezirksbürgermeister. Zwei Tage später wurde uns
mitgeteilt, daß das
Bezirksamt Baustadtrat Lüdtke als Vermittler für die
Verhandlungen mit
den Eigentümern und dem Land Berlin vorgesehen hatte. Wir
forderten den
Kauf des Hauses durch das Land Berlin und eine langfristige
Nutzungsvereinbarung zu bezahlbaren Konditionen.
Erste
Kontakte
mit Vertretern der Senatsbauverwaltung gaben wenig Anlaß
zu Optimismus: Die sozial-kulturellen Projekte im Erdgeschoß
seien ja
ganz lobenswert, aber letztlich handele es sich doch um einen privaten
Streit zwischen Mietern und Wohnungseigentümern, mit dem die
Öffentliche Hand nichts zu schaffen habe.
Nach
diversen
Krisensitzungen mit Vertretern des Bezirksamts, der
Senatsbauverwaltung, gemeinnützigen Treuhändern
selbstverwalteter
Hausprojekte, Unterstützerinnen und Bewohnerinnen wurde
schließlich
Ende des Jahres 1987 ein Gutachten von der Senatsbauverwaltung in
Auftrag gegeben. Dieses Gutachten sollte untersuchen, ob und wie weit
ein Engagement des Landes Berlin zur Erhaltung der Prinzenallee 58
begründbar wäre. Ferner sollten verschiedene Kauf-
und
Privatisierungsvarianten modellhaft berechnet werden. Die Ergebnisse
sollten vier Wochen nach dem Prozeßtermin vorliegen -
theoretisch
konnten wir bis dahin schon geräumt sein. Letztlich wurde
jedoch der
Prozeßtermin verschoben und das Gutachten sprach eine klare
Empfehlung
aus, das Wohn- und Nachbarschaftsprojekt Prinzenallee aufgrund seiner
beispielhaften Verbindung von Wohnen und sozial-kultureller Arbeit zu
erhalten. Darüberhinaus wurden die beiden Modelle favorisiert,
die wir
selbst als Lösungsmöglichkeiten entwickelt hatten:
Kauf des Hauses
durch das Land Berlin, Weitergabe an einen gemeinnützigen
Träger und
Abschluß eines langfristigen Nutzungsvertrags mit unserem
Bewohnerverein oder Übergabe des Hauses an eine von uns zu
gründende
Genossenschaft.
Völlig
überraschend kam durch die Westberliner Wahlen im Februar 1989
eine rot-grüne Koalition an die Regierung. Für den
Tag nach den Wahlen
war eine Sondersitzung des Bauausschusses des Abgeordnetenhauses ange-

setzt,
bei dem unser
Haus einziger Tagesordnungspunkt war. Unsere
Stellungnahme in diesem Ausschuß traf auf eine zu unseren
Gunsten
veränderte neue Entscheidungskonstellation. Kurz darauf
erfuhren wir,
daß der Bausenator grünes Licht für die
Rettung unseres Wohn- und
Nachbarschaftsprojekts gegeben hatte. Schwieriger war es, die
Unterstützung des Finanzsenators zu bekommen. Nicht zuletzt
deshalb
dauerte es länger als ein Jahr, bis das Haus
schließlich Besitz des
Landes Berlin geworden war. Darüberhinaus waren das gesamte
Grundstück
von der Prinzenallee bis zur Panke sowie das alte, unter Denkmalschutz
stehende Vorderhaus, übernommen worden. Davor lagen zahlreiche
Verhandlungsrunden mit Vertretern aller am Kauf beteiligten Instanzen.
Am Ende erhielt die Eigentümergesellschaft alles, was sie
wollte und
stellte die Räumungsklage gegen uns ein.
Unterstützung
für die PA 58
All
diese
Verhandlungen wären nicht erfolgreich gewesen, wenn unser
Projekt nicht durch ein breites Bündnis von den Autonomen im
Kiez über
die AL- und SPD-Fraktion im Bezirksamt und auf zentraler Ebene bis zu
einzelnen Persönlickeiten des öffentlichen Lebens in
der Stadt sowie
durch zahlreiche soziale Projekte und Institutionen
unterstützt worden
wären. Durch Aktionen, Resolutionen und Briefe an
Bürgermeister und
Senatoren setzten sich für uns ein:
- die Kiezküche Wedding, ein
Forum autonomer Projekte,
- das Forum sozialer Projekte im Wedding
aus dem RABE,
- die Workshops "Der andere Wedding",
- der Spontanzusammenschluß
Mobilität für Behinderte,
- die Ambulanten Dienste für
Schwerbehinderte,
- die TU- und FU-Studentenberatung
für behinderte Studenten,
- der Unterstützerkreis
für die PA 58, viele einzelne Persönlichkeiten,
darunter Professoren aller Universitäten, der Fachhochschule
für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, engagierte
Weddinger,
- der Kongreß 25 Jahre
Stadtsanierung im Wedding,
- alle Nachbarschaftshäuser in
Berlin,
- der Verband für
sozial-kulturelle Arbeit sowie
- der Vorstand der International
Federation of Settlements und Neighbourhood Centres,
- die SPD-Fraktion im Wedding,
- die AL Wedding, AL-Rathausfraktion,
- und die Tochter der jüdischen
Eigentümer, die sich nach Israel retten
konnte. Sie setzte sich bei einem Berlin-Besuch persönlich
beim Bezirks-
bürgermeister
für unseren Verbleib im Haus ein, da sie durch uns auch
ein Vermächtnis ihrer Eltern gewahrt sah und sie unsere
Lebensform an
ihr Leben im Kibbuz erinnerte.
Durch
eine
intensive Öffentlichkeitsarbeit erreichten wir, daß
Zeitungen und Rundfunksender über jede neue Entwicklung
unserer Sache
berichteten und letztendlich auch die SFB-Abendschau und die Aktuelle
Kamera Fernsehberichte über unser Projekt sendeten. All diese
Berichte
erzeugten eine breite öffentliche Anteilnahme und
Unterstützung für uns
gegen die drohende Räumung, der sich die politischen
Entscheidungsträger auf die Dauer nicht entziehen konnten.
Votum
für die Genossenschaft
Die
politische
Option des Senats war, daß das Haus nach einem Kauf
durch das Land Berlin auf alle Fälle reprivatisiert werden
sollte. Wir
mußten uns deshalb verstärkt mit dem Gedanken
auseinandersetzen, selbst
Hauseigentümer zu werden. Bald zeichnete sich ab,
daß die Übernahme des
Hauses durch einen gemeinnützigen Träger
große Einschränkungen unserer
Autonomie mit sich bringen würde. Wir beschlossen
schließlich ohne
Gegenstimmen, eine Genossenschaft zu gründen. Falls es keine
günstigeren Lösungen gäbe, wollten wir das
Haus als
genossenschaftliches Eigentum verwalten.
Wahl eines
Sanierungsträgers
Eine
grundlegende
Sanierung des Fabrikgebäudes Prinzenallee 58 war seit
langem überfällig. Zunächst sollten deshalb
Grundstück und Häuser
treuhänderisch von einem gemeinnützigen
Sanierungsträger übernommen
werden. Wir entschieden uns schließlich für
WOHNSTATT, die bereits das
Gutachten über unser Projekt angefertigt hatten und von denen
wir uns
eine kooperative Zusammenarbeit versprachen.
Vertrags Verhandlungen
1989/90
Nachdem
wir
unsere Entscheidung für einen Treuhänder
bekanntgegeben
hatten, wurden alle weiteren Verhandlungen über unseren Kopf
hinweg
geführt. Politiker und Verwaltungen betrachteten nicht mehr
uns,
sondern nur noch unsere Treuhänder als Verhandlungspartner.
Und zu
verhandeln gab es genug. Da war zunächst der Erbpachtvertrag,
der
wesentlich ungünstigere Zahlungsbedingungen beinhaltete, als
sie
vergleichbare Projekte wenige

Zeit
vorher erhalten
hatten und der für uns einige unwägbare Risiken
barg. Dazu kamen die Vereinbarungen zur Sanierungsförderung,
die
dringend verbindlich präzisiert werden mußten. Um
die finanziellen
Belastungen durch Pacht- und Kaufzinsen für Gebäude
und Grundstück
tragbar zu machen, wurde uns eine hundertprozentige
Sanierungsförderung
zugesagt, die unsere bisherigen Sanierungsleistungen in Rechnung
stellte. Der Umfang der Sanierungsförderung insgesamt war
jedoch
unklar. Über all diese Punkte mit den zuständigen
Senatsvertretern
direkt zu verhandeln war jedoch unmöglich geworden.
Vereinte
Wohnungsnot
Mit
dem Fall der
Berliner Mauer und dem rasanten Vereinigungsprozeß
-auch der Wohnungsnot in Ost und West - wurden alle Zusagen
finanzieller Art hinfällig. Von einer hundertprozentigen
Sanierungsförderung war nicht mehr die Rede. Das
Förderungsvolumen
sollte plötzlich nur noch 1,5 Millionen betragen, obwohl mehr
als das
Dreifache gutachterlich erforderlich gehalten worden war. Wie wir vor
wenigen Wochen als neuestes erfuhren, ist in diesem Betrag die
Mietsubventionierung für die Jahre der Sanierung schon
enthalten.
Im
dritten Jahr
ohne Vertrag
Drei
Jahre nach
Beendigung unseres Fünfjahresvertrags mit Panke Park
haben wir immer noch keinen Vertrag. Nur die Eigentümer haben
sich
verändert. Zwischen dem Senat und unserem Treuhänder
ist ein
Sanierungsvertrag abgeschlossen worden. Der Erbpacht- und
Nutzungsvertrag ist noch nicht unterzeichnet.
Auch
heute
kämpfen wir noch darum, im Haus bleiben zu können.
Zwar ist
die akute Räumungsgefahr gebannt, aber wir laufen Gefahr,
finanzielle
Belastungen auf uns zu nehmen, die uns irgendwann über den
Kopf
wachsen. Die sozial-kulturellen Projekte und Gemeinschaftseinrichtungen
sind schon jetzt gefährdet.
Wir
verhandeln
weiter und wir werden drinbleiben.
Am
4. September
1991 gibt es erstmal ein Fest: 100 Jahre PA 58!
Unser
Haus hat
dieses Alter nun erreicht - wir werden das auch noch schaffen.
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