Geschichte(n)
aus dem Wedding
von Irene Beyer
Liebe
S.,
du
wolltest ein paar Geschichten hören über den Wedding,
damit
du deinen Bezirk besser kennen lernst? Ich erzähle dir gerne
ein
bisschen, du weißt ja, Stadtgeschichte ist eine kleine
Leidenschaft von mir.
Anfangen
möchte ich mit Geschichte(n) aus der alten Fabrik in der Prinzenallee 58, die so genannte
„PA 58“.
Das
Gebäude ist dir sicher schon aufgefallen, die große
alte
Backsteinfabrik zwischen Prinzenallee und Panke, fast an der Ecke
Soldiner Straße.
Heute ist da unter anderem das Nachbarschaftshaus
Prinzenallee drin.
Warst du schon mal da?
Die
machen Kurse und es gibt da unterschiedliche Gruppen, und wenn du
selbst mal Hilfe brauchst bei irgendwas oder eine Idee hast und was
machen willst, unterstützen sie dich.

Die alte Hutfabrik Gattel, erbaut 1890/91,
heute
"die PA 58" mit dem Nachbarschaftshaus Prinzenallee.
Und
das Büro vom Nachbarschaftshaus, das ist ein schöner
Raum mit
einer alten Holzverkleidung, das war immer schon Büro;
früher
residierten da die Chefs der Fabrik, Richard und Max Gattel. Lohnt sich
anzugucken!
Die beiden Brüder haben den
Komplex 1890/91
bauen lassen, damals gab’s nach hinten raus Richtung Panke
noch
mehr Hallen, und am Vorderhaus hing noch ein Seitenflügel mit
Wohnungen für ArbeiterInnen. Sogar einen Garten
gab’s,
hinten raus zur Panke!
Das prächtige Vorderhaus
gehörte auch dazu, das steht noch, es ist dir bestimmt schon
aufgefallen. Da ist jetzt ein Netz vor die Fassade gespannt, damit
nichts runter fällt. Naja ...
In
dem Vorderhaus jedenfalls lebten die Familien Gattel, früher,
von
1891 bis 1932. Und hinten in der Fabrik wurden Herrenhüte
hergestellt, in großem Stil. 175 Leute waren hier mal in Lohn
und
Brot, und alle haben sie „Gattel-Hüte“
hergestellt.
Das war wohl mal richtig ‘ne
bekannte
Marke. Ist gut gelaufen – bis zur Weltwirtschaftskrise in den
späten 20ern. Da ging’s auch mit der Hutfabrik
bergab und
die Gattels kamen in finanzielle Schwierigkeiten. Sie mussten dann die
große Fabrik hier zu machen und alle Leute entlassen, und sie
selbst sind dann auch weg gezogen, nachdem das ganzen Anwesen unter
Zwangsverwaltung gestellt wurde.
Ob es dabei wirklich nur um Geld
ging oder ob das schon die unheimlichen Vorboten der Nazi-Herrschaft
und der Judenverfolgung waren, kann heute niemand mehr sagen.
Die
Gattels jedenfalls waren alteingesessene jüdische
BerlinerInnen,
und später unter den Nazis wurde ihnen auch der ganze Rest weg
genommen, ‚arisiert‘ haben die Nazis das damals
genannt.
Und
die beiden Familien wurden 1942 deportiert und umgebracht; die
Töchter haben glücklicherweise alle
überlebt, weil sie
rechtzeitig geflohen sind aus Deutschland.
Die beiden Töchter
von Ella und Richard Gattel sind nach Palästina gegangen und
die
Tochter von Anneliese und Max Gattel ging nach England.
Es bleibt
mir immer unbegreiflich, diese unsagbare Kaltblütigkeit und
Grausamkeit, dieser menschenverachtende Apparat und seine
Täter,
die die jüdische Bevölkerung verfolgt und ermordet
haben.
Zurück
zum Haus der Gattels, mit dem sie ab 1932 ja zwangsweise nichts mehr zu
tun hatten. In dem 4-stöckigen Fabrikgebäude wurden
alle
Etagen in Wohnraum umgebaut – lauter so genannte
‚Kleinstwohnungen‘. Aber immerhin mit Heizung,
Warmwasser
und Innenklo! Das war ungewöhnlich für damals.
Unten im
Erdgeschoss blieb es Betrieb, hier war dann die
„Dampfwäscherei Michel“ und eine Weile
wohl noch ein
Eiergroßhandel.
1940 ist das Ganze an die mittlerweile auch
‚arisierten‘ Kempinski-Hotels verkauft worden. Die
haben
natürlich mitten im Arbeiterbezirk Wedding kein Hotel draus
gemacht, sondern nun ihrerseits in Keller und Erdgeschoss einen
Wäschereibetrieb aufgemacht.
Dann
kehrte für längere Zeit Ruhe ein in das bewegte
große
Haus. Oben die ‚Kleinstwohnungen‘ blieben sogar bis
Mitte
der 70er Jahre so, wie sie waren.

Hallen hinter dem Haus 1981, kurz vor ihrem
Abriss.
Dann,
wenn auch in anderem Sinne, blieben sie erst recht so, wie sie waren:
1977 wurde das Anwesen wieder verkauft, und die neuen
Eigentümer
wollten es entmieten und abreissen.
Es war ja damals in West-Berlin die ‚große
Zeit‘ für Wohnungsspekulanten.
Es
war Wohnungsnot, und die alten, noch guten, aber eben
mietgünstigen Häuser wurden reihenweise aufgekauft
und dann
entmietet. Die sollten einfach durch systematische
Vernachlässigung so weit runter kommen, dass sie abgerissen
werden
durften.
Um dann Neubauten mit viel höheren Mieten an ihre Stelle zu
setzen. Kein Kommentar!
Na
ja, jedenfalls war’s in der ‚PA 58‘ auch
so, dass
leer werdende Wohnungen nicht mehr vermietet wurden, das im Haus kein
Strich mehr gemacht wurde und das Ganze abgerissen werden sollte,
obwohl es noch gut in Schuss war!
Und obwohl da noch Leute gewohnt
haben, die gar nicht raus wollten. Ach, ‚gar keinen Strich
gemacht‘ stimmt übrigens nicht: die Hausverwaltung,
die sich
zwar nicht in der Lage sah, auch nur ein kaputtes Treppenhauslicht zu
reparieren, hat ab Februar 1981 das ganze Haus von einer
Wachschutzfirma überwachen lassen und alle kaputten
Schlösser
reparieren lassen.
Zu diesem Zeitpunkt stand die Mehrzahl
der 57 Wohnungen im Komplex schon länger leer. Es scheint, die
haben die alte Fabrik in eine Festung verwandeln wollen, in die niemand
mehr ohne ihre Kontrolle rein oder raus kommt!
Aber das hat
nun einige der verbliebenen HausbewohnerInnen wohl doch sehr
geärgert; jedenfalls haben sie dafür gesorgt, dass
aus dem
geplanten Abriss nicht werden konnte: Mit ihrer Hilfe wurde das Haus
von einer Gruppe von Leuten ‚instandbesetzt‘.
Es
war ja die Zeit, als ziemlich viele Leute keine Lust mehr hatten, den
Wohnungsspekulationen einfach nur zuzugucken. Die PA 58 war das 100.
besetzte Haus in West-Berlin

Die PA 58 wurde “instandbesetzt” und in Eigenregie
saniert.
Und
bei allen Schwierigkeiten, die nun noch folgten, ging es doch wieder
bergauf mit der schönen alten Backsteinfabrik. Die
BesetzerInnen
haben sofort angefangen, das Haus instand zu setzen, also zu sanieren
und renovieren, und auch umzubauen.
Das Konzept war wohl
von Anfang an klar: die Wohnetagen zu größeren
Wohnungen
umbauen, meist für Wohngemeinschaften, und unten in die
Erdgeschossräume soziale und kulturelle Projekte, von denen
alle
was haben. Also nicht nur die, die im Haus wohnen, sondern der ganze
Kiez.
Schließlich war das hier Anfang
der 80er auch schon
keine ‚bessere Gegend‘ und deshalb sollte ein
Kieztreffpunkt entstehen, wo sich die Leute gegenseitig helfen und
austauschen können.
Zu dem Zweck ist dann auch recht
schnell der Verein Nachbarschaftshaus Prinzenallee gegründet
worden, der auch heute noch das Nachbarschaftshaus trägt.
Ja
und das ganze Haus ist mit unheimlich viel Einsatz von den Leuten
weitgehend selbst her gerichtet worden. Besetzt ist es
übrigens
schon lange nicht mehr, es ist jetzt eine
Wohnungsgenossenschaft.
Also
ein „bisschen anderes“ Wohnhaus, dass neben
Wohnraum
für ungefähr 85 Leute eben auch dem ganzen Kiez
einiges zu
bieten hat.
Wechselvolle
Geschichte, nicht wahr? Aber aus dem Wedding gibt es noch
viel
mehr Geschichte(n). Zum Beispiel zum Stichwort ‚Der rote
Wedding‘ – zum Beispiel gab es Anfang der
Dreißiger
hier im Kiez `ne Zeitung: “Soldiner Echo.
Für Freiheit - Arbeit und Brot”; aber das
erzähle ich dir dann ein andermal.
Woher
ich das alles weiß? Von den Leuten aus dem Haus und dem
Nachbarschaftshaus. Und die wiederum wissen ganz viel von einer der
Töchter Gattel, die damals den Holocaust überlebt
hat.
Die
heisst Anni Wolff und lebt heute noch, in Israel. Und sie ist ab und zu
im Hause ihrer Kindheit und Jugend zu Besuch und freut sich sehr, dass
daraus noch wieder etwas Gutes geworden ist.
Das letzte Mal war sie erst vor vier Wochen
hier. Schön, nicht wahr!?
Ich
hoffe, dir gefällt mein Bericht, herzliche
Grüße,
Irene
Beyer
© Neben
mündlichen Quellen habe ich verwendet:
Anni Wolff:
Schließlich waren wir jung und lebenslustig, Schriftenreihe
Wedding Band 6, Berlin 1993
Konzeptionen
für einen umweltorientierten Wohnungs- und Städtebau.
Ergebnisse des Berliner Auswahlverfahrens zum Bundeswettbewerb 1986/87
Bürger, es geht um Deine Gemeinde: Innenentwicklung unserer
Städte und Gemeinden, hrsg.v. Senator für Bau- und
Wohnungswesen, Berlin 1987 Fotos aus dem Besitz der Genossenschaft
Prinzenallee 58