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zuletzt aktualisiert  
am: 01.02.2008  

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Geschichte(n) aus dem Wedding

von Irene Beyer     

Liebe S.,

du wolltest ein paar Geschichten hören über den Wedding, damit du deinen Bezirk besser kennen lernst? Ich erzähle dir gerne ein bisschen, du weißt ja, Stadtgeschichte ist eine kleine Leidenschaft von mir.

Anfangen möchte ich mit Geschichte(n) aus der alten Fabrik in der Prinzenallee 58, die so genannte „PA 58“.
Das Gebäude ist dir sicher schon aufgefallen, die große alte Backsteinfabrik zwischen Prinzenallee und Panke, fast an der Ecke Soldiner Straße.
Heute ist da unter anderem das Nachbarschaftshaus Prinzenallee drin.

Warst du schon mal da? 

Die machen Kurse und es gibt da unterschiedliche Gruppen, und wenn du selbst mal Hilfe brauchst bei irgendwas oder eine Idee hast und was machen willst, unterstützen sie dich.

Luftbild ca- 1960 / Hutfabrik Gattel, erbaut 1890/91

Die alte Hutfabrik Gattel, erbaut 1890/91, heute
"die PA 58" mit dem  Nachbarschaftshaus Prinzenallee.

Und das Büro vom Nachbarschaftshaus, das ist ein schöner Raum mit einer alten Holzverkleidung, das war immer schon Büro; früher residierten da die Chefs der Fabrik, Richard und Max Gattel. Lohnt sich anzugucken!

Die beiden Brüder haben den Komplex 1890/91 bauen lassen, damals gab’s nach hinten raus Richtung Panke noch mehr Hallen, und am Vorderhaus hing noch ein Seitenflügel mit Wohnungen für ArbeiterInnen. Sogar einen Garten gab’s, hinten raus zur Panke! 

Das prächtige Vorderhaus gehörte auch dazu, das steht noch, es ist dir bestimmt schon aufgefallen. Da ist jetzt ein Netz vor die Fassade gespannt, damit nichts runter fällt. Naja ...

In dem Vorderhaus jedenfalls lebten die Familien Gattel, früher, von 1891 bis 1932. Und hinten in der Fabrik wurden Herrenhüte hergestellt, in großem Stil. 175 Leute waren hier mal in Lohn und Brot, und alle haben sie „Gattel-Hüte“ hergestellt. 

Das war wohl mal richtig ‘ne bekannte Marke. Ist gut gelaufen – bis zur Weltwirtschaftskrise in den späten 20ern. Da ging’s auch mit der Hutfabrik bergab und die Gattels kamen in finanzielle Schwierigkeiten. Sie mussten dann die große Fabrik hier zu machen und alle Leute entlassen, und sie selbst sind dann auch weg gezogen, nachdem das ganzen Anwesen unter Zwangsverwaltung gestellt wurde.

Ob es dabei wirklich nur um Geld ging oder ob das schon die unheimlichen Vorboten der Nazi-Herrschaft und der Judenverfolgung waren, kann heute niemand mehr sagen. 

Die Gattels jedenfalls waren alteingesessene jüdische BerlinerInnen, und später unter den Nazis wurde ihnen auch der ganze Rest weg genommen, ‚arisiert‘ haben die Nazis das damals genannt.
Und die beiden Familien wurden 1942 deportiert und umgebracht; die Töchter haben glücklicherweise alle überlebt, weil sie rechtzeitig geflohen sind aus Deutschland.
Die beiden Töchter von Ella und Richard Gattel sind nach Palästina gegangen und die Tochter von Anneliese und Max Gattel ging nach England.
Es bleibt mir immer unbegreiflich, diese unsagbare Kaltblütigkeit und Grausamkeit, dieser menschenverachtende Apparat und seine Täter, die die jüdische Bevölkerung verfolgt und ermordet haben.

Zurück zum Haus der Gattels, mit dem sie ab 1932 ja zwangsweise nichts mehr zu tun hatten. In dem 4-stöckigen Fabrikgebäude wurden alle Etagen in Wohnraum umgebaut – lauter so genannte ‚Kleinstwohnungen‘. Aber immerhin mit Heizung, Warmwasser und Innenklo! Das war ungewöhnlich für damals.
Unten im Erdgeschoss blieb es Betrieb, hier war dann die „Dampfwäscherei Michel“ und eine Weile wohl noch ein Eiergroßhandel.

1940 ist das Ganze an die mittlerweile auch ‚arisierten‘ Kempinski-Hotels verkauft worden. Die haben natürlich mitten im Arbeiterbezirk Wedding kein Hotel draus gemacht, sondern nun ihrerseits in Keller und Erdgeschoss einen Wäschereibetrieb aufgemacht.

Dann kehrte für längere Zeit Ruhe ein in das bewegte große Haus. Oben die ‚Kleinstwohnungen‘ blieben sogar bis Mitte der 70er Jahre so, wie sie waren.

Hallen hinter dem Haus Anfang der 1981, kurz vor ihrem Abriss.

Hallen hinter dem Haus 1981, kurz vor ihrem Abriss.

Dann, wenn auch in anderem Sinne, blieben sie erst recht so, wie sie waren: 1977 wurde das Anwesen wieder verkauft, und die neuen Eigentümer wollten es entmieten und abreissen.
Es war ja damals in West-Berlin die ‚große Zeit‘ für Wohnungsspekulanten.
Es war Wohnungsnot, und die alten, noch guten, aber eben mietgünstigen Häuser wurden reihenweise aufgekauft und dann entmietet. Die sollten einfach durch systematische Vernachlässigung so weit runter kommen, dass sie abgerissen werden durften.
Um dann Neubauten mit viel höheren Mieten an ihre Stelle zu setzen. Kein Kommentar!

Na ja, jedenfalls war’s in der ‚PA 58‘ auch so, dass leer werdende Wohnungen nicht mehr vermietet wurden, das im Haus kein Strich mehr gemacht wurde und das Ganze abgerissen werden sollte, obwohl es noch gut in Schuss war!
Und obwohl da noch Leute gewohnt haben, die gar nicht raus wollten. Ach, ‚gar keinen Strich gemacht‘ stimmt übrigens nicht: die Hausverwaltung, die sich zwar nicht in der Lage sah, auch nur ein kaputtes Treppenhauslicht zu reparieren, hat ab Februar 1981 das ganze Haus von einer Wachschutzfirma überwachen lassen und alle kaputten Schlösser reparieren lassen. 

Zu diesem Zeitpunkt stand die Mehrzahl der 57 Wohnungen im Komplex schon länger leer. Es scheint, die haben die alte Fabrik in eine Festung verwandeln wollen, in die niemand mehr ohne ihre Kontrolle rein oder raus kommt! 

Aber das hat nun einige der verbliebenen HausbewohnerInnen wohl doch sehr geärgert; jedenfalls haben sie dafür gesorgt, dass aus dem geplanten Abriss nicht werden konnte: Mit ihrer Hilfe wurde das Haus von einer Gruppe von Leuten ‚instandbesetzt‘.

Es war ja die Zeit, als ziemlich viele Leute keine Lust mehr hatten, den Wohnungsspekulationen einfach nur zuzugucken. Die PA 58 war das 100. besetzte Haus in West-Berlin

Hoffasade mit Bautransparent: "Dach, Wand, Ausbau rund ums Haus, wir gehen nicht mehr raus!"

         Die PA 58 wurde “instandbesetzt” und in Eigenregie saniert.

Und bei allen Schwierigkeiten, die nun noch folgten, ging es doch wieder bergauf mit der schönen alten Backsteinfabrik. Die BesetzerInnen haben sofort angefangen, das Haus instand zu setzen, also zu sanieren und renovieren, und auch umzubauen. 

Das Konzept war wohl von Anfang an klar: die Wohnetagen zu größeren Wohnungen umbauen, meist für Wohngemeinschaften, und unten in die Erdgeschossräume soziale und kulturelle Projekte, von denen alle was haben. Also nicht nur die, die im Haus wohnen, sondern der ganze Kiez.

Schließlich war das hier Anfang der 80er auch schon keine ‚bessere Gegend‘ und deshalb sollte ein Kieztreffpunkt entstehen, wo sich die Leute gegenseitig helfen und austauschen können.

Zu dem Zweck ist dann auch recht schnell der Verein Nachbarschaftshaus Prinzenallee gegründet worden, der auch heute noch das Nachbarschaftshaus trägt.
Ja und das ganze Haus ist mit unheimlich viel Einsatz von den Leuten weitgehend selbst her gerichtet worden. Besetzt ist es übrigens schon lange nicht mehr, es ist jetzt eine Wohnungsgenossenschaft. 

Also ein „bisschen anderes“ Wohnhaus, dass neben Wohnraum für ungefähr 85 Leute eben auch dem ganzen Kiez einiges zu bieten hat.

Wechselvolle Geschichte, nicht wahr?  Aber aus dem Wedding gibt es noch viel mehr Geschichte(n). Zum Beispiel zum Stichwort ‚Der rote Wedding‘ – zum Beispiel gab es Anfang der Dreißiger hier im Kiez `ne Zeitung: “Soldiner Echo.
Für Freiheit - Arbeit und Brot”; aber das erzähle ich dir dann ein andermal. 

Woher ich das alles weiß? Von den Leuten aus dem Haus und dem Nachbarschaftshaus. Und die wiederum wissen ganz viel von einer der Töchter Gattel, die damals den Holocaust überlebt hat. 
Die heisst Anni Wolff und lebt heute noch, in Israel. Und sie ist ab und zu im Hause ihrer Kindheit und Jugend zu Besuch und freut sich sehr, dass daraus noch wieder etwas Gutes geworden ist. 

Das letzte Mal war sie erst vor vier Wochen hier. Schön, nicht wahr!?

Ich hoffe, dir gefällt mein Bericht, herzliche Grüße, 

Irene Beyer                  

© Neben mündlichen Quellen habe ich verwendet:

Anni Wolff: Schließlich waren wir jung und lebenslustig, Schriftenreihe Wedding Band 6, Berlin 1993

Konzeptionen für einen umweltorientierten Wohnungs- und Städtebau. Ergebnisse des Berliner Auswahlverfahrens zum Bundeswettbewerb 1986/87 Bürger, es geht um Deine Gemeinde: Innenentwicklung unserer Städte und Gemeinden, hrsg.v. Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1987 Fotos aus dem Besitz der Genossenschaft Prinzenallee 58