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zuletzt
aktualisiert
am: 2.09.2009
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Interview: Reto Hunziker
In Deutschland ist Wahlkampf. «Ein Schmierentheater», findet Philosoph und Publizist Richard David Precht. Er fordert, dass sich die Bundesrepublik ein Beispiel an der Schweiz nimmt.
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bürgerbewegung
THEMA
11
Die
Parteien
Veränderung
der politischen Kultur durch direkten Dialog zwischen Parteien und
Wählern in einem "sozial-ökologischen
Kommunikationsnetz"
(August
1996)
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VON
ALBERT
REINHARDT, BERLIN
Wie
läßt sich Politik wieder
"gesellschaftsfähig" und umgekehrt die
Gesellschaft wieder politikfähig machen? Albert Reinhardt
schlägt die
Einführung eines "sozial-ökologischen
Kommunikationsnetzes" vor, durch
das sich Bürgerinnen und Bürger wieder besser vom
politischen System
repräsentiert fühlen und Politikerinnen und Politiker
gleichzeitig
stärker legitimiert würden.
Die
Tatsache, daß wir uns unsere
Demokratie nicht ursprünglich selbst erhalten bzw.
(wieder-) verschafft, sondern "nur" von den Alliierten geschenkt
bekommen haben, läßt uns trotz eines fast
50-jährigen Einübungs- und
Aneignungsprozesses jeden Veränderungsvoschlag als
grundlegenden
"Angriff" auf unser demokratisches Selbstverständnis
empfinden. Doch
auch ein demokratisches System muß entsprechend der
gewaltigen
Veränderungsanforderungen unserer Gesellschaft
anpassungsfähig bleiben,
nicht zuletzt, um sich selbst zu erhalten.
Der
folgende Vorschlag
sollte keineswegs als ein "fertiges Konzept" mißverstanden
werden,
sondern vielmehr Einzelpersonen sowie Bürgerinitiativen,
soziale wie
politische Gruppen und Verbände auf der einen und Parteien auf
der
anderen Seite, dazu auffordern, ihre (eventuell) wechselseitig
vorhandenen Denkschablonen und -blockaden zu Gunsten des
"sozial-ökologischen Kommunikationsnetzes" in Frage zu stellen.
Direkter
Dialog als Bindemittel
Ich
plädiere dafür, mittels Meinungsbefragungen den
direkten Dialog
zwischen einer Partei und ihrem Wahlvolk zu ermöglichen.
Dadurch wäre
Politik nicht nur differenzierbarer und interessanter als heute,
Parteien und ihre Programme erhielten gleichzeitig wieder ihre
Identifikationsfähigkeit, quasi als "Bindemittel" für
und zwischen den
verschiedenen gesellschaftlichen Sub-Gruppen.
Der
Intention, das
Volk durch Volksentscheide und die damit verbundenen
Meinungsbildungsprozesse am politischen Leben und somit der
Verantwortung für unser Gemeinwesen zu beteiligen, steht das
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Mißtrauen
und die Angst vor einem Bürger gegenüber, der per
Volksentscheid das
"Verfahren an sich zieht", und somit gesetzlich bindende Entscheidungen
nach "gesundem Volksempfinden" und einfachen Ja-Nein-Schema getroffen
werden. Insbesondere die Beeinflußbarkeit dieser
"Volksempfindungen"
durch charismatische Persönlichkeiten oder manipulierende
Medienmacht
ist es, was uns aus Erfahrung klug gemacht haben sollte. Nicht,
daß im
Einzelfall eine der etablierten Parteien, wie jüngst in
München die
CSU, das Verfahren plebiszitär "mißbraucht", ist das
Problem, sondern
daß unserer Repräsentativ-Demokratie selbst die
Legitimation abgezogen
wird und sie somit einem latenten Zersetzungsprozeß
ausgesetzt ist. In
der Schweiz ist bereits regelmäßig die
Wahlbeteiligung bei
Volksbefragungen höher als bei den Wahlen der
Nationalräte, wo sie
nicht einmal mehr 50% erreicht.
Nur ein
Lösungsansatz, der die
Menschen so respektiert, wie sie sind, und nicht auf ein
völlig neues
politisches Verfahren setzt, sondern das vorhandene System dazu
konditioniert, sich selbst weiter zu optimieren, könnte uns
aus den
eingefahrenen Strukturen befreien und uns interaktive
Handlungsperspektiven eröffnen. Jenseits aller Ideologien geht
es
darum, die Politik wieder "gesellschaftsfähig" und vor allem
unsere
Gesellschaft politikfähig zu machen, um sie nicht weiterhin
den
Gemeinsinn zersetzenden Kräften des "freien Marktes"
auszusetzen. Die
Einführung der Meinungsbefragung des jeweiligen Wahlvolkes
einer Partei
als Beteiligungsverfahren würde nicht mit der in Paragrah 38
GG
gesicherten Gewissensfreiheit der Abgeordneten kollidieren, weil dieses
Beteiligungsverfahren auf Parteiebene stattfände und somit
lediglich
den Verfassungsanspruch von Artikel 21 GG stärker als bisher
zur
Verfassungswirklichkeit werden ließe:
"Die
Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit"
Hauptziel
dieses Konzeptes ist die Veränderung der politischen Kultur.
Die Art
und Weise, wie Menschen, ob als Einzel-personen oder als (Interessen-)
Gruppen, in ein interaktives Kommunikations- und Entscheidungsnetz
einbezogen werden,
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schafft die Rahmenbedingungen
dafür, daß notwendige gesellschaftliche Innovationen
nicht mehr durch
"Industriestandortzwänge" fremdbestimmt werden , sondern durch
die
Gesellschaft "sich selbst verständigend" definiert werden und
anschließend "reibungsärmer" kulturell verfestigt
werden können. Dies
wäre das Gegenteil unserer gegenwärtigen nur noch
selbstreferenziell
hin und her plappernden demoskopischen Medien-Demokratie, der es immer
weniger gelingt, den Bürgern zu suggerieren, welche Meinung
sie
mehrheitlich hätten, wenn sie denn gefragt worden
wären.
Unbestritten
ist es mit Hilfe der demoskopischen Verfahren rein technisch
möglich,
die Meinungen einer geringen Anzahl von Menschen auf eine sehr
große
Anzahl von Menschen hochzurechnen, ohne daß es dabei zu
gravierenden
Abweichungen käme. Ebenso unbestreitbar ist jedoch,
daß die
Identifikation mit einer Gemeinschaft (Gesellschaft) etwas mit
Gefühlen
zu tun hat, welche sich auf Dauer nur dort positiv entwickeln, wo sich
Menschen selbst interaktiv am Geschehen beteiligen können.
Ein
solcher fairer Prozeß (frei, gleich und brüderlich!)
würde es
ermöglichen, daß sich die Gesellschaft nicht nur
leichter ihre
Identität bildenden Werte schaffen könnte, sondern
daß sie sich auch
selbst die notwendigen Einschränkungen und Belastungen
auferlegen
könnte, die sie für ihre Zukunftssicherung
für notwendig erachten würde.
Medial
vernetzter Runder Tisch
Auch
die Interessenvermittlung und die kulturelle Verständigung
zwischen
unseren Ost-/West-Teilgesellschaften ließe sich mittels
dieses für
beide Seiten neue Modells der medial-vernetzten "Runden Tische" besser
vorstellen. Die hohe Meinungskompetenz die an Runden Tischen
vorherrscht könnte mit Hilfe dieses Modells sowohl mit weniger
informierteren Bürgern wie auch Politikern in einen weitaus
effektiveren Meinungsaustausch treten. Gleichzeitig würden die
"Runden
Tische" heute wieder ein höheres Maß an Akzeptanz
und Legitimität
erfahren.
1993 ergab eine Umfrage der SPD,
daß sowohl ihre
Wählerschaft wie auch ihre Mitglieder sich jeweils zu 87% mehr
Möglichkeiten der politischen Beteiligung
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wünschten.
Weshalb die SPD nur ihren Mitgliedern diese, wenn auch bisher kaum
genutzten, Beteiligungsmöglichkeiten gewährt hat, ist
nicht
verständlich, da sie so nur die Kluft zwischen
Wählern und Mitgliedern
unnötig vergrößert hat und sich dadurch die
"Funktionärs-Krankheit" nun
auch auf die Basis ausgebreitet hat.
Falls die
Parteien in Zukunft
jedoch wieder das Vertrauen der Wähler erlangen
möchten, würde ich
ihnen folgendes Konzept ans Herz legen wollen:
I. Wahl-Mitgliedschaft
Jeder
Wähler hat die Möglichkeit, durch die Wahl einer
Partei gleichzeitig
Mitglied dieser Partei zu werden. Für vier Jahre ist er dann
sogenanntes "Wahl-Mitglied". Wahl- und Parteiaufnahme geschehen
nachweislich durch vorgezogene "Briefwahlen" auf privater Ebene. Als
"Vor-Wahlbüros" dienen dezentrale Datenverarbeitungsinstitute
in den
Wahlbezirken, welche notarieller Datenschutzkontrolle unterliegen,
analog zu den parteinahen Stiftungen (oder diese selbst?), jedenfalls
unabhängig von den Parteien.
II. Festlegung des
Programm-Profils
Jedem
Parteimitglied stehen acht Programm-Profilstimmen zur
Verfügung, die es
gemäß seinem Interesse für bestimmte
Sachgebiete einsetzen kann.
Mit bis zu drei Stimmen
pro Sachgebiet
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kann
das Mitglied seine Interessengebiete gewichten und damit das
Parteiprogramm-Profil mitbestimmen. (z.B. 3 Stimmen Umweltschutz, 2
Stimmen Wirtschaft, 1 Stimme Wohnungsbau und 2 Stimmen Arbeit.
III. Machtverteilung
in der Partei
Entsprechend
der prozentualen Verteilung der Profil-Stimmen werden die
Plätze in den
Ausschüssen verteilt. Alle Vertreter der
Arbeitsausschüsse zusammen
bilden das oberste Gremium, das "Partei-Plenum". Der
größte
Arbeitsausschuß schlägt den Vorsitzenden vor
(konkordanzdemokratisch).
IV. "Nach-Frage-Wahl"
Auch
außerhalb der regulären Wahlen ist eine Beteiligung
der
Parteimitglieder in Form von Meinungsumfragen vorgesehen. Als Medium
könnte eine Parteizeitung dienen, in welcher sich die
Parteimitglieder
oder Experten in kurzen, leserbriefartigen Stellungnahmen und Artikeln
ihre Pro-und Contra-Positionen wie auch eigene
Lösungsvorschläge
gegenseitig mitteilen könnten. In der Anlage dieser Zeitung
befände
sich ein maschinenlesbarer Fragebogen, mit dessen Hilfe jedes
Parteimitglied seinen Beitrag zum Gesamtmeinungsbild leisten
könnte.
Die Partei erhält die statistische Auswertung als "Erwartung"
ihrer
Wahl-Mitglieder mitgeteilt.
Ein besonderer Vorteil
dieses Beteiligungs
verfahren ergibt sich aus der
Möglichkeit, mehrere Kandidaten einer Partei zur (Aus-) Wahl
stellen zu können.
Die
demoralisierenden parteiinternen Kandidatenvorauswahlen
könnten so
vermieden werden; unterschiedliche Wählerentscheide
würden doch
schließlich zur Stimmenakummulierung für die Partei
als Ganzes führen.
Nicht
zuletzt läge auch für die neuen Ansätze des
Kommunitarismus mit solchen
sehr offenen Beteiligungsverfahren ein nicht nur leicht handhabbarer,
sondern auch geradezu idealtypischer Handlungsrahmen vor. Vergleichbar
dem Setzen einer Klammer in der Mathematik und der jeweiligen
Änderung
des Vorzeichens käme es bei der Einführung dieses
Beteiligungsverfahrens zu einem Umkehr-Effekt, so daß im
Ergebnis aus
konkurrierenden kooperative Individualinteressen (also Gemeinschaften)
entstehen könnten. Die so entstandenen
Interessengemeinschaften stünden
dann ihrerseits wieder in kooperativer Konkurrenz zueinander.
Eine
sich auf diese Weise selbst steuernde Gesellschaft könnte
weitgehend
auf den Staat als "Großen Bruder" verzichten. Ob jedoch die
Parteien
bereit sind, auf den "Staat als Beute" zu verzichten und somit ihre
Bereitschaft zeigen, "Schaden vom Volke abzuwenden", bleibt eine offene
Frage.
Kontakt:
albert-reinhardt@psi-21.de
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Berliner
Tagesspiegel 19.11.2008
Die
Bevölkerung in Deutschland ist so unzufrieden wie seit zwei
Jahrzehnten nicht mehr. Sowohl mit der sozialen Sicherung als auch mit
dem persönlichen Einkommen stehen die Deutschen auf
Kriegsfuß - und ganz besonders unglücklich sind sie
mit der
Demokratie.
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