
ZEITGESCHICHTLICHE ERINNERUNGSARBEIT
Von C. Wolfgang Müller
Arbeiten und Wohnen ist auf kontinuierliche Konflikte angelegt. So
plausibel es erscheint, den Zugang zu jedem dieser menschlichen
Bedürfnisse zu erschweren und die Sache selber (wenn es not tut sogar
künstlich) zu verknappen, so sehr widerspricht es der Verfassung von
Berlin, die im Überschwang des Jahres 1950 jedermann das Recht auf
Arbeit und das Recht auf Wohnraum zuerkannte.
Ein großer Teil der Bausubstanz wurde im nationalsozialistischen
Weltkrieg zerstört. Ein kleiner Teil der Bausubstanz fiel der
Flächensanierung zum Opfer, die aus Berlin (West) eine autofreundliche
und menschenfeindliche Stadt gemacht hätte, wenn die Kahlschlagpläne
der fünfziger und sechziger Jahre bis zum bitteren Ende umgesetzt
worden wären. Aber Mitte der siebziger Jahre gab es ein öffentliches
Umdenken. Es gab 'Strategien für Kreuzberg', es gab die ersten
'Instandbesetzungen' mutwillig entmieteter Wohnhäuser, es gab
Bürgerinitiativen und Stadtteilgruppen. Ihr jahrelanger Kampf hat
entscheidend dazu beigetragen, das Schlimmste zu verhindern.
In der Fachliteratur wird diese politische und kommunalpolitische
Arbeit im Stadtteil 'Gemeinwesenarbeit' oder 'Stadtteilarbeit' genannt.
'Gemeinwesenarbeit' hat dabei den Beigeschmack kommunalpolitischer
Planung und staatspolitischer Gängelung. 'Stadtteilarbeit' hat das
Odeur selbstbestimmten Widerstandes gegen einseitige Planung und
bürgerferne Verwaltung. Aber überall dort, wo Kommunalpolitik die
Interessen breiter Schichten der Bevölkerung vertritt, muß ihre
Struktur- und Infrastruktur-Planung nicht einseitig den Interessen
strukturbestimmender Großkapitale folgen. Und auf der anderen Seite
kann hinter dem selbstbestimmten Anspruch autonomer Stadtteilgruppen
ein politisches Monopolinteresse versteckt werden, das, offen
ausgesprochen, niemals mehrheitsfähig wäre.
In Berlin haben Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen und
Selbsthilfegruppen in den 70er, 80er und 90er Jahren eine bedeutsame
politische und kommunalpolitische Rolle gespielt. Nicht nur dort, wo
sie am
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spektakulärsten auftraten: in Kreuzberg. Sondern auch in anderen
Bezirken - und nicht nur in denen (West) Berlins. Aber der Wedding
fällt einem in diesem Zusammenhang nicht gerade in erster Linie ein.
Auf Außenstehende wirkte der Wedding auch in den unruhigeren Jahren
eher befriedet, befriedigt und brav. Der vorliegende 3. Band der
Schriftenreihe Wedding wird dokumentieren, daß diese Sichtweise
realistischer Prüfung nicht stand hält. Obwohl die Zusammensetzung
seiner Bevölkerung, die Flächensanierung traditioneller
Arbeiterviertel, die Trennung vom Ostteil der Stadt und die Strukturen
der Weddinger Kommunalpolitik nicht gerade eine widerständige
Lokalöffentlichkeit begünstigten, hat es im Wedding in den letzten
zwanzig Jahren eine Reihe von teilweise erstaunlich kontinuierlichen
Stadtteilgruppen im gesamten Spektrum nachbarschaftlicher und
kiezorientierter Aktivitäten gegeben: Von dem Kinderladen über die
Instandbesetzung, die stadtteilnahe Kulturarbeit bis zum
inter-nationalen Zusammenleben im Stadtteil.
Das mag nicht so spektakulär sein (und so zahlreich) wie in südlicheren
Bezirken. Aber es besitzt eine ruhige und beharrliche Bodenständigkeit,
die diesem traditionsreichen Arbeiterviertel gut zu Gesicht steht -
auch wenn manche Kommunalpolitiker die Geschichte der zwanziger und
dreißiger Jahre und ihre Kämpfe gern vergessen haben (oder vergessen
möchten).
Der politische Stil eines Gemeinwesens zeigt sich auch in der Weise,
wie es mit seiner Geschichte umgeht. Was es an Vergangenem zeigt,
worauf es stolz ist, was es verdrängt, was es vergißt. Dabei wird es
immer wieder schwer sein, einen gemeinsamen Nenner für widerstrebende
Interessen finden. Im Wedding war man lange in der Gefahr, alle zwanzig
Jahre die eigene Geschichte neu zu schreiben und dabei wichtige Teile
zu vergessen, die dazu gehören, obwohl sie manchen peinlich sind. Zur
Zeitgeschichte des Wedding gehören seine Stadtteilgruppen. Sie zeigen,
daß demokratische Selbstbestimmung durch das Handeln engagierter
Bürgerinnen lebt. Sie zeigen auch, daß es für wert befunden wird, sich
an dieses Handeln zu erinnern und es im kollektiven Gedächtnis des
Bezirks aufzuheben, nicht zum Zwecke der Verehrung, sondern zur
Orientierung und der Ermutigung.
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