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Schriftenreihe Wedding, Band 3

KONFLIKT UND KONTINUITÄT
20 JAHRE STADTTEILPOLITIK IM WEDDING


hrsg. von Werner Druskat und Jürgen Nowak



Die Schriftenreihe Wedding wird vom Verein "Schriftenreihe Wedding e.V.",
 Utrechter Str. 47,
1000 Berlin 65
 herausgegeben.

Redaktion: Walther Willmer (†)

Vertrieb: Buchhandlung Mackensen,
Utrechter Str. 47,
1000 Berlin 65, Tel.
030/4554040
(c) Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren. Nicht namentlich gezeichnete Beiträge (c) Schriftenreihe Wedding

ISBN 3-926535-43-1


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Band 3/ Inhaltsübersicht


Vorwort: Zeitgeschichtliche Erinnerungsarbeit
von C. Wolfgang Müller    » S. 1 , 2

Stadtteil-Politik contra Staats-Politik
von Jürgen Nowak und Hermann Bullinger    » S. 3

Die Bürgerinitiative "Putte"
von Eberhard Seidel-Pielen    » S. 12

Die "Fabrik Osloer Straße"
von Gerhard Groß     » S. 24

Soziale Kulturarbeit im Stadtteil
von Gudrun Donner    » S. 31

Berlins erster Mädchenladen: feministisch und interkulturell
von Ursula Bachor    » S. 35

Weddinger Neue Zeitung
von Werner Druskat    » S. 39

Die Schrippenkirche: Das letzte Kapitel
von Walther Willmer (†)      » S. 57

Sanierung und Hausbesetzer
von Hermann Bullinger    » S. 63

Das Wohn- und Nachbarschaftsprojekt Prinzenallee 58
von Dorothea Reinhardt und Elfi Witten    » S. 73

Autorenverzeichnis    » S. 90


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ZEITGESCHICHTLICHE ERINNERUNGSARBEIT

Von C. Wolfgang Müller

Arbeiten und Wohnen ist auf kontinuierliche Konflikte angelegt. So plausibel es erscheint, den Zugang zu jedem dieser menschlichen Bedürfnisse zu erschweren und die Sache selber (wenn es not tut sogar künstlich) zu verknappen, so sehr widerspricht es der Verfassung von Berlin, die im Überschwang des Jahres 1950 jedermann das Recht auf Arbeit und das Recht auf Wohnraum zuerkannte.

Ein großer Teil der Bausubstanz wurde im nationalsozialistischen Weltkrieg zerstört. Ein kleiner Teil der Bausubstanz fiel der Flächensanierung zum Opfer, die aus Berlin (West) eine autofreundliche und menschenfeindliche Stadt gemacht hätte, wenn die Kahlschlagpläne der fünfziger und sechziger Jahre bis zum bitteren Ende umgesetzt worden wären. Aber Mitte der siebziger Jahre gab es ein öffentliches Umdenken. Es gab 'Strategien für Kreuzberg', es gab die ersten 'Instandbesetzungen' mutwillig entmieteter Wohnhäuser, es gab Bürgerinitiativen und Stadtteilgruppen. Ihr jahrelanger Kampf hat entscheidend dazu beigetragen, das Schlimmste zu verhindern.

In der Fachliteratur wird diese politische und kommunalpolitische Arbeit im Stadtteil 'Gemeinwesenarbeit' oder 'Stadtteilarbeit' genannt. 'Gemeinwesenarbeit' hat dabei den Beigeschmack kommunalpolitischer Planung und staatspolitischer Gängelung. 'Stadtteilarbeit' hat das Odeur selbstbestimmten Widerstandes gegen einseitige Planung und bürgerferne Verwaltung. Aber überall dort, wo Kommunalpolitik die Interessen breiter Schichten der Bevölkerung vertritt, muß ihre Struktur- und Infrastruktur-Planung nicht einseitig den Interessen strukturbestimmender Großkapitale folgen. Und auf der anderen Seite kann hinter dem selbstbestimmten Anspruch autonomer Stadtteilgruppen ein politisches Monopolinteresse versteckt werden, das, offen ausgesprochen, niemals mehrheitsfähig wäre.

In Berlin haben Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen und Selbsthilfegruppen in den 70er, 80er und 90er Jahren eine bedeutsame politische und kommunalpolitische Rolle gespielt. Nicht nur dort, wo sie am

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spektakulärsten auftraten: in Kreuzberg. Sondern auch in anderen Bezirken - und nicht nur in denen (West) Berlins. Aber der Wedding fällt einem in diesem Zusammenhang nicht gerade in erster Linie ein. Auf Außenstehende wirkte der Wedding auch in den unruhigeren Jahren eher befriedet, befriedigt und brav. Der vorliegende 3. Band der Schriftenreihe Wedding wird dokumentieren, daß diese Sichtweise realistischer Prüfung nicht stand hält. Obwohl die Zusammensetzung seiner Bevölkerung, die Flächensanierung traditioneller Arbeiterviertel, die Trennung vom Ostteil der Stadt und die Strukturen der Weddinger Kommunalpolitik nicht gerade eine widerständige Lokalöffentlichkeit begünstigten, hat es im Wedding in den letzten zwanzig Jahren eine Reihe von teilweise erstaunlich kontinuierlichen Stadtteilgruppen im gesamten Spektrum nachbarschaftlicher und kiezorientierter Aktivitäten gegeben: Von dem Kinderladen über die Instandbesetzung, die stadtteilnahe Kulturarbeit bis zum inter-nationalen Zusammenleben im Stadtteil.

Das mag nicht so spektakulär sein (und so zahlreich) wie in südlicheren Bezirken. Aber es besitzt eine ruhige und beharrliche Bodenständigkeit, die diesem traditionsreichen Arbeiterviertel gut zu Gesicht steht - auch wenn manche Kommunalpolitiker die Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre und ihre Kämpfe gern vergessen haben (oder vergessen möchten).

Der politische Stil eines Gemeinwesens zeigt sich auch in der Weise, wie es mit seiner Geschichte umgeht. Was es an Vergangenem zeigt, worauf es stolz ist, was es verdrängt, was es vergißt. Dabei wird es immer wieder schwer sein, einen gemeinsamen Nenner für widerstrebende Interessen finden. Im Wedding war man lange in der Gefahr, alle zwanzig Jahre die eigene Geschichte neu zu schreiben und dabei wichtige Teile zu vergessen, die dazu gehören, obwohl sie manchen peinlich sind. Zur Zeitgeschichte des Wedding gehören seine Stadtteilgruppen. Sie zeigen, daß demokratische Selbstbestimmung durch das Handeln engagierter Bürgerinnen lebt. Sie zeigen auch, daß es für wert befunden wird, sich an dieses Handeln zu erinnern und es im kollektiven Gedächtnis des Bezirks aufzuheben, nicht zum Zwecke der Verehrung, sondern zur Orientierung und der Ermutigung.

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Die Schriftenreihe Wedding erschien im Joachim Mackensen Verlag zwischen 1990 und 1995 


Kontakt: Albert Reinhardt albert-reinhardt@web.de Zuletzt aktualisiert: 9.02.2006  
weitere Informationen unter:
  www.gattel-stiftung.de 
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