HERBERT SCHERER
ANNI WOLFF, DIE ISRAELIN
Die persönliche Lebensgeschichte jedes
Menschen ist mit den Ereignissen
verknüpft, die die ´große Geschichte´
ausmachen und später in den Geschichtsbüchern
Erwähnung finden werden. Aber es gibt kaum ein Land
in der Welt, wo diese Verknüpfungen
so eng sind wie in Israel.
Mehr als fünf Sechstel der Bevölkerung
sind Neu-Einwanderer der ersten
oder zweiten Generation in einem
Staat, den es vor fünfzig Jahren noch
nicht gegeben hat und der in seiner
kurzen Geschichte schon mehrfach
davon bedroht war, wieder ausgelöscht
zu werden.
Anni Wolff gehört zur Gründergeneration
dieses Staates. Zum Zeitpunkt
ihrer Auswanderung ins damalige
britische Mandatsgebiet Palästina war
es nur eine Ahnung, zum Zeitpunkt
der Staatsgründung 1948 war es bereits
zur Gewißheit geworden: ohne
diesen Schritt hätte es kein überleben
gegeben.
Der Wille zum Überleben ist die
raison d'être des Staates Israel und
seiner jüdischen Einwohner. Diesem
Motiv sind alle anderen politischen
oder ideologischen Positionen untergeordnet.
Man streitet sich zwar heftig über den richtigen Weg, das
überleben zu sichern, aber das Ziel
selbst steht nicht zur Disposition.
So ist bei den Israelis von links bis
rechts ein Maß von Loyalität gegenüber
dem eigenen Lande selbstverständlich,
wie es für uns bei unserem
zwiespältigen Verhältnis zu unserem
Land und seiner Geschichte kaum
nachvollziehbar ist.
So hatten dann auch die Herausgeber
dieser Erinnerungen insbesondere bei
einer längeren Passage den Eindruck,
hier spreche nicht Anni Wolff, die
ehemalige Berlinerin aus eigenem
Erleben, sondern hier werde so etwas
vertreten wie ´die offizielle Position
Israels´. Im Interesse der Leser, von
denen man vermutete, daß sie auf eine
solche Passage mit einer gewissen
Abwehr reagieren würden, hielt man
es für sinnvoll, sie nicht unkommentiert
im Text zu belassen. Auf der
anderen Seite wollte man sie aber
auch den Lesern nicht vorenthalten,
deswegen diese Umrahmung, die eine
Verständnisbrücke bauen soll.
Im Manuskript von Anni Wolff liest
sich das so:
´Die unermeßlich reichen Ölemirate
mit ihren riesigen Landflächen waren

und sind nicht bereit, ihre eigenen
Leute aufzunehmen, sondern benutzen
sie noch heute als Politikum
gegen den ´zionistischen Feind´.
Es soll hier keine Politik behandelt
werden, aber es muß einmal gesagt
werden, wie es zu der weiteren negativen
Entwicklung kam. Die ganze
Welt hat schon vergessen, daß die Juden
ein einziges kleines Land haben,
wo sie frei als Juden leben können. Es
ist ein winziges Land, das von einer
kleinen jüdischen Siedlung (1936 waren
es ca. 600.000 Menschen) auf eine
Bevölkerung von ca. 4,5 Millionen
angestiegen ist. Die Erschließung des
Negev, die Urbarmachung des
Sumpflandes, der Aufbau und die
Entwicklung von Industrie und Technologie
und - last not least - die Einordnung
einer mehrfachen Bevölkerungsziffer
sind eine Leistung, die es -so
glaube ich - in der Welt kein
zweites Mal gibt. Darauf können wir
stolz sein, besonders in Anbetracht
der vielen Kriege, Feindseligkeiten
und des stark mangelnden Verständnisses
seitens unserer Feinde und sogar
unserer Freunde. Ich - und sicher
wir alle - haben nur den einen
Wunsch, daß man uns endlich in
Frieden unser schönes Land aufbauen
ließe!
. . . Leider wirft uns die Golf-Krise und
die sogenannte Intifada immer wieder
etwas zurück, aber wir sind gewöhnt
zu kämpfen und durchzuhalten und
die Hoffnung auf eine bessere Zukunft
nicht sinken zu lassen. Auch an
die ständige Verurteilung Israels in
der ganzen Welt sind wir gewöhnt.
Wenn unsere Menschen von hinten
erstochen, mit Steinen und Felsblöcken
beworfen werden - dann sind
wir die Unterdrücker! Wir sind ein
kleines, aber zähes Volk und nicht bereit,
Selbstmord zu verüben, nachdem
es nicht gelungen ist, uns völlig zu
vernichten!
Gerade hier, wo Anni Wolff besonders
deutlich als Israelin zu sprechen
scheint, ist in ihr die ehemalige Berlinerin
lebendig: ´Es soll hier keine
Politik behandelt werden ...´ - Anni
Wolff nähert sich uns behutsam, sie
möchte niemandem ´zu nahe treten´,
aber sie fühlt deutlich den Drang, sich
in den Meinungsbildungsprozeß in ihrer
ehemaligen Heimat einzumischen.
Sie verfolgt die hiesige Debatte aus
der Feme mit großer Aufmerksamkeit.
Aber während viele ihrer
Landsleute kein Bedürfnis verspüren,
ausgerechnet mit den Deutschen diese
Frage zu klären, weil sie ihnen als den
Erben des Holocaust das Recht absprechen,
sich von oben herab über
die israelische Politik gegenüber den
Arabern zu äußern, kann Anni Wolff
sich dieser Auseinandersetzung nicht
entziehen.
Sie argumentiert, sie wirbt um Verständnis,
sie ist erregt über das Maß an
Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen-Wollen,

das sie zu verspüren meint. Allerdings
wird sie mit ihren Argumenten weder
diejenigen erreichen, die sich von der
eigenen Schuld oder der ihrer Eltern
dadurch zu befreien hoffen, daß sie
die ´Opfer von gestern´ als die ´Täter
von heute´ entlarven können, noch
diejenigen auf ihre Seite ziehen, die
mit dem palästinensischen Widerstand
deswegen sympathisieren, weil
sie in ihm eine Speerspitze des antiimperialistischen
Befreiungskampfes der Dritten Welt sehen.
Anni Wolffs Worte eröffnen uns Einblicke
in die Gedanken und Gefühlswelt der Autorin. Mit den meisten
dieser Gedanken steht sie nicht allein.
Insofern sind diese Überlegungen Teil
der Realitäten im Nahen Osten und
nicht nur eine private Meinung eines
einzelnen Menschen. Und doch haben
sie im Zusammenhang dieser Erinnerungen
weniger die Funktion, die objektive
Situation in dieser Krisenregion
zu erklären, als das Bild, das
wir uns von dieser couragierten und
liebenswerten Frau zu machen beginnen,
abzurunden und sie in dem
Spannungsfeld zu zeigen, in dem sie
heute lebt, eine Israelin deutscher
Herkunft.
Anni Wolff in ihrem Haus, 1992
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