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BAND 6 (1993)

Anni Wolff

SCHLIESSLICH WAREN WIR ALLE
JUNG UND LEBENSLUSTIG
Erinnerungen: Von Berlin nach Israel

Das Foto auf dem Umschlag zeigt Anni Wolff mit ihrer Mutter, ca. 1930



(c) 1993 Verlag der Buchhandlung Mackensen
Utrechter Straße 41
13347 Berlin
Redaktionelle Bearbeitung: Walther Willmer (†) 
Technische Unterstützung: Susanne Thoma
Umschlaggestaltung: DinAzwei
Druck: Theta
ISBN 3-926535-46-6


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Band 6/ Inhaltsübersicht

Herbert Scherer
ANNI WOLFF, DIE ISRAELIN   » S. 5

Anni Wolff
SCHLIESSLICH WAREN WIR ALLE
JUNG UND LEBENSLUSTIG

Erinnerungen: Von Berlin nach Israel   » S. 9

Gerd E. Höhne
HUNDERT JAHRE UNTER EINEM HUT   » S. 45

ZU DEN AUTOREN   » S. 60

 

*
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HERBERT SCHERER

ANNI WOLFF, DIE ISRAELIN

Die persönliche Lebensgeschichte jedes Menschen ist mit den Ereignissen verknüpft, die die ´große Geschichte´ ausmachen und später in den Geschichtsbüchern Erwähnung finden werden. Aber es gibt kaum ein Land in der Welt, wo diese Verknüpfungen so eng sind wie in Israel.

Mehr als fünf Sechstel der Bevölkerung sind Neu-Einwanderer der ersten oder zweiten Generation in einem Staat, den es vor fünfzig Jahren noch nicht gegeben hat und der in seiner kurzen Geschichte schon mehrfach davon bedroht war, wieder ausgelöscht zu werden.

Anni Wolff gehört zur Gründergeneration dieses Staates. Zum Zeitpunkt ihrer Auswanderung ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina war es nur eine Ahnung, zum Zeitpunkt der Staatsgründung 1948 war es bereits zur Gewißheit geworden: ohne diesen Schritt hätte es kein überleben gegeben.

Der Wille zum Überleben ist die raison d'être des Staates Israel und seiner jüdischen Einwohner. Diesem Motiv sind alle anderen politischen oder ideologischen Positionen untergeordnet. Man streitet sich zwar heftig über den richtigen Weg, das überleben zu sichern, aber das Ziel selbst steht nicht zur Disposition.

So ist bei den Israelis von links bis rechts ein Maß von Loyalität gegenüber dem eigenen Lande selbstverständlich, wie es für uns bei unserem zwiespältigen Verhältnis zu unserem Land und seiner Geschichte kaum nachvollziehbar ist.

So hatten dann auch die Herausgeber dieser Erinnerungen insbesondere bei einer längeren Passage den Eindruck, hier spreche nicht Anni Wolff, die ehemalige Berlinerin aus eigenem Erleben, sondern hier werde so etwas vertreten wie ´die offizielle Position Israels´. Im Interesse der Leser, von denen man vermutete, daß sie auf eine solche Passage mit einer gewissen Abwehr reagieren würden, hielt man es für sinnvoll, sie nicht unkommentiert im Text zu belassen. Auf der anderen Seite wollte man sie aber auch den Lesern nicht vorenthalten, deswegen diese Umrahmung, die eine Verständnisbrücke bauen soll.

Im Manuskript von Anni Wolff liest sich das so:
´Die unermeßlich reichen Ölemirate mit ihren riesigen Landflächen waren

*

und sind nicht bereit, ihre eigenen Leute aufzunehmen, sondern benutzen sie noch heute als Politikum gegen den ´zionistischen Feind´.

Es soll hier keine Politik behandelt werden, aber es muß einmal gesagt werden, wie es zu der weiteren negativen Entwicklung kam. Die ganze Welt hat schon vergessen, daß die Juden ein einziges kleines Land haben, wo sie frei als Juden leben können. Es ist ein winziges Land, das von einer kleinen jüdischen Siedlung (1936 waren es ca. 600.000 Menschen) auf eine Bevölkerung von ca. 4,5 Millionen angestiegen ist. Die Erschließung des Negev, die Urbarmachung des Sumpflandes, der Aufbau und die Entwicklung von Industrie und Technologie und - last not least - die Einordnung einer mehrfachen Bevölkerungsziffer sind eine Leistung, die es -so glaube ich - in der Welt kein zweites Mal gibt. Darauf können wir stolz sein, besonders in Anbetracht der vielen Kriege, Feindseligkeiten und des stark mangelnden Verständnisses seitens unserer Feinde und sogar unserer Freunde. Ich - und sicher wir alle - haben nur den einen Wunsch, daß man uns endlich in Frieden unser schönes Land aufbauen ließe!

. . . Leider wirft uns die Golf-Krise und die sogenannte Intifada immer wieder etwas zurück, aber wir sind gewöhnt zu kämpfen und durchzuhalten und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht sinken zu lassen. Auch an die ständige Verurteilung Israels in der ganzen Welt sind wir gewöhnt. Wenn unsere Menschen von hinten erstochen, mit Steinen und Felsblöcken beworfen werden - dann sind wir die Unterdrücker! Wir sind ein kleines, aber zähes Volk und nicht bereit, Selbstmord zu verüben, nachdem es nicht gelungen ist, uns völlig zu vernichten!

Gerade hier, wo Anni Wolff besonders deutlich als Israelin zu sprechen scheint, ist in ihr die ehemalige Berlinerin lebendig: ´Es soll hier keine Politik behandelt werden ...´ - Anni Wolff nähert sich uns behutsam, sie möchte niemandem ´zu nahe treten´, aber sie fühlt deutlich den Drang, sich in den Meinungsbildungsprozeß in ihrer ehemaligen Heimat einzumischen. Sie verfolgt die hiesige Debatte aus der Feme mit großer Aufmerksamkeit. Aber während viele ihrer Landsleute kein Bedürfnis verspüren, ausgerechnet mit den Deutschen diese Frage zu klären, weil sie ihnen als den Erben des Holocaust das Recht absprechen, sich von oben herab über die israelische Politik gegenüber den Arabern zu äußern, kann Anni Wolff sich dieser Auseinandersetzung nicht entziehen.

Sie argumentiert, sie wirbt um Verständnis, sie ist erregt über das Maß an Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen-Wollen,

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das sie zu verspüren meint. Allerdings wird sie mit ihren Argumenten weder diejenigen erreichen, die sich von der eigenen Schuld oder der ihrer Eltern dadurch zu befreien hoffen, daß sie die ´Opfer von gestern´ als die ´Täter von heute´ entlarven können, noch diejenigen auf ihre Seite ziehen, die mit dem palästinensischen Widerstand deswegen sympathisieren, weil sie in ihm eine Speerspitze des antiimperialistischen Befreiungskampfes der Dritten Welt sehen.
Anni Wolffs Worte eröffnen uns Einblicke in die Gedanken und Gefühlswelt der Autorin. Mit den meisten dieser Gedanken steht sie nicht allein. Insofern sind diese Überlegungen Teil der Realitäten im Nahen Osten und nicht nur eine private Meinung eines einzelnen Menschen. Und doch haben sie im Zusammenhang dieser Erinnerungen weniger die Funktion, die objektive Situation in dieser Krisenregion zu erklären, als das Bild, das wir uns von dieser couragierten und liebenswerten Frau zu machen beginnen, abzurunden und sie in dem Spannungsfeld zu zeigen, in dem sie heute lebt, eine Israelin deutscher Herkunft.

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Anni Wolff in ihrem Haus, 1992

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Die Schriftenreihe Wedding erschien im Joachim Mackensen Verlag zwischen 1990 und 1995 


Kontakt: Albert Reinhardt albert-reinhardt@web.de Zuletzt aktualisiert: 12.02.2006  
weitere Informationen unter:
  www.gattel-stiftung.de 
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